Sonntagsgedanken

Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.


05.07.2020

Jesu Seligkeit

Um sich einem Text anzunähern, kann man sich fragen: Welche Atmosphäre, welche Stimmung kommt mir entgegen? Was spricht mich an? Ich denke, aus diesem Text kommt rüber: Da spricht ein glücklicher Mensch, einer, der erfüllt ist vom Augenblick, den er erlebt. Es muss für Jesus ein Augenblick der Seligkeit gewesen sein. Wenn ich es mir bildlich, gestisch vorstelle: Er steht da mit nach oben ausgebreiteten Armen und mit offenen Augen und dankt Gott. Begeistert schaut er die an, die ihn verstanden haben, die „Unmündigen“.

Da fängt schon das weitere Fragen an: Was sind das für Leute, die Unmündigen, und was ist passiert? Uns wird in den Szenen des Evangeliums nicht mehr die ursprüngliche Situation berichtet. Wir haben es mit einem literarischen, bewusst komponierten Werk zu tun. Die Evangelisten, hier Matthäus, haben die überlieferten Szenen in die Abfolge ihres Werkes eingebaut. Wie sie bestimmte Geschehnisse positionieren, das gibt uns natürlich Hinweise. Deshalb muss man über den Text hinausschauen auf den Kontext.

Der Kontext „spricht Bände“

Da macht man eine überraschende Beobachtung: Unmittelbar vor unserer Szene, in der Jesus überglücklich den Vater für die Menschen preist, die ihn verstanden haben, steht eine scharfe Drohung gegen galiläische Städte wie Kafarnaum und Chorazin, weil man sich dort nicht bekehrt hat (Mt 11,20-24). Danach geht Jesus am Sabbat mit seinen Jüngern durch die Ährenfelder und wird dafür kritisiert, dass er seinen hungrigen Leuten erlaubt, ein paar Ähren zu essen (Mt 12,1-8). Der Kontext besagt: Jesus ist mit seiner Botschaft in Galiläa weitgehend auf Unverständnis gestoßen. Es gab keine Massenbekehrungen. Es waren nur wenige, die seine Botschaft ins Herz traf. Dieser Rabbi erntete vielmehr Kritik, weil er souverän und eigenständig das Gesetz auslegte, und dafür, dass er frei mit dem Sabbatgebot umging.

Diese Situation gibt uns einen Hinweis, wer diese Unmündigen sein könnten. Es sind nicht kleine Kinder, das wäre die wortwörtliche Bedeutung. Es sind Menschen, die das überraschend Neue, das er brachte, verstanden hatten. Er hatte einen ungeheuren Anspruch: Mit mir, mit meiner Verkündigung, ist Gott seinem Volk überraschend neu nahegekommen. Es müssen vor allem einfache Leute gewesen sein, aber nicht ausschließlich. Sie hatten ein Gespür für sein inneres Anliegen. Doch nur wenige hatten wirklich verstanden, wer er eigentlich war und was er wollte.

Das Problem der Klugen und Frommen

Das ist ein Problem der Frommen durch alle Zeiten, dass Gott oft nicht in den festen, erwarteten Bahnen kommt. Die Weisen und Klugen mit ihrer Weltweisheit, die Frommen mit ihren religiösen Schemata und Sichtweisen haben den unerwartet anderen Gott in Jesus nicht wahrgenommen. Eine alte Maxime lautet: vox temporis, vox Dei – die Stimme der Zeit ist die Stimme Gottes. Auf die Zeit und ihre untergründigen Entwicklungen zu horchen heißt, auf Gott zu hören und darauf, was er will. Unsere Zeit ist von rasanten Veränderungen geprägt. Nehmen wir ein paar Beispiele:

Bis vor 200 Jahren war die Gesellschaft selbstverständlich pyramidal aufgebaut. Die monarchische Spitze stand (in diesem Gesellschaftsbild) in einer besonderen Beziehung zu Gott. Politische Theologien haben die gesellschaftliche Hierarchie religiös überhöht und sanktioniert. Heute denken wir ganz anders, nämlich demokratisch. Oder: Zur Zeit Jesu hatte der Mann klar das Sagen. Es herrschten patriarchalische Verhältnisse in allen Lebensbereichen. In Israel durfte eine Frau nicht einmal vor Gericht aussagen. Das hat sich, Gott sei Dank, gewandelt und wird sich noch mehr wandeln. Oder nehmen wir das Mann-Frau-Verhältnis, die ganzen Fragen um Ehe und Sexualität. Was hat sich da nicht alles in unseren Jahrzehnten gewandelt!

Gott spricht mit einer menschlichen Stimme

Wir sind gefordert, die neuen Herausforderungen, das, was Menschen empfinden, zu erfassen und es neu mit dem Glauben an Gott zusammenzubringen. Glauben heißt: Die Stimme der Zeit und die Stimme Gottes immer neu erspüren und aufnehmen. Das Uralte, betonte schon Karl Rahner, muss immer neu gedeutet werden. Was ist das Uralte? Der Text sagt es: Das Uralte ist, dass wir als Christen in Jesus den Gottmenschen sehen. Jesus hat aus der Wucht seiner Gottesintimität geredet wie sonst noch niemand auf der Welt: „Niemand kennt den Vater, nur der Sohn“ (Mt 11,27). Diese innere Einheit Jesu mit Gott, das ist Fundament und Zentrum des Christlichen.

Genau das haben „die Unmündigen“ verstanden: Gott spricht jetzt mit einer menschlichen Stimme. Oder umgekehrt: In dieser menschlichen Stimme spricht Gott .Dieses Uralte heißt es heute zu sehen und zu deuten. Deshalb sind die wahren Weisen diejenigen, die das von innen her verstehen und ins Heute übersetzen. Die Sehnsucht, in die Liebe Gottes hineingenommen zu sein, in dieser Liebe geborgen zu sein, ist das Uralte, nach dem sich alle Menschen sehnen. „Lieben und geliebet werden, ist das höchste Glück auf Erden“, heißt es in Haydns Jahreszeiten.

Die Liebe Gottes hilft leben, echt!

Aber Vorsicht! Die Verszeile der beiden Verliebten klingt verführerisch kitschig. Haydns Werk kennt auch die andere Seite, das „blasse Jahr“ des Winters. Es gibt einen Unterschied zwischen Kitsch und Kunst. Kitsch stellt nur die Schokoladenseite, das Schöne, das Wohlige dar. Große Kunst bildet immer die Spannung des Lebens ab, die Gegensatzeinheit von Licht und Dunkel, von Seligkeit und Schmerz. So auch unser Evangelien-Text. Es ist das höchste Glück, in der Liebe Gottes geborgen zu sein, aber Jesus redet von Menschen, die schwere Lasten zu tragen haben. Er selbst hat als Bauhandwerker das Tragejoch auf die Schultern genommen und große Bauten mit ausgeführt. Er kennt die Plackerei des Lebens. Er redet von der Mühsal. Er sagt auch nicht, die Last ist einfach weg. Er sagt, die Last wird leicht.

Die Liebe Gottes ist nicht der Zuckerguss über allem, sondern das, was die Last unseres Lebens leichter macht. Jesus bietet Erholung – nicht bloß einmal im Jahr, und das muss dann für lange Zeit reichen, sondern beständig, mitten in der Plackerei, jeden Tag neu. In diesem Sinne ist der Heilandsruf Jesu große Kunst und hohe Theologie. Er umfasst die Gegensatzeinheit des Lebens und deutet sie auf Gott hin. Jesus ist enthusiastisch und bleibt doch auf dem Boden der alltäglichen Realität. Die wenigen Verse unseres Evangeliums sind wie eine Perle, die den ganzen Jesus und den ganzen christlichen Glauben widerspiegelt. „Jesus“ heißt ja „Gott rettet“, oder freier übersetzt: Gott lässt uns aufatmen, lässt mich zu neuer Lebenskraft kommen. Also: „Kommt zu mir, die ihr mühselig und beladen seid!“

Karl Kern SJ


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