Sonntagsgedanken

Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.


17.03.2019

Würde des Lebens

Der evangelische Pfarrer und ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Heinrich Albertz (1915–1993), vielleicht kennen ihn einige noch, war ein eher ruhiger Prediger. Seine Worte setzte er allmählich, beinahe gemächlich, als spräche er eher vor sich hin als zu einer Gemeinde. Das begeisterte einen jungen, unruhigen, übermütigen Pfarrer so sehr, dass er einmal Albertz’ Nähe suchte und ihn fragte: „Wissen Sie, zu predigen fällt mir schwer! Vor lauter Einfällen weiß ich oft nicht, was ich genau sagen soll.“ Der Pfarrer Albertz legte ihm etwas väterlich seine Hand auf den Arm und sagte: „Lieber Bruder, sagen Sie doch einfach, was dasteht!“

Das will ich heute tun: einfach sagen, was dasteht und was Sie schon gehört haben aus dem Evangelium des Lukas: die Verklärung. Viel über Jesus steht da, wenig von ihm – dafür aber einiges über Petrus und über die Würde des Lebens. Würde ist, die Haltung zu bewahren.

Großes Kino

„Großes Kino“ wird hier erzählt, wie man heute gerne sagt. Eine solche Geschichte kann man nicht erfinden; dafür ist sie zu schön. Und erklären kann man sie so recht auch nicht. Wie ja alles, bei dem Gott am Werk ist, schwer zu erklären ist. Es sei denn, man schaut genau auf Petrus und seine vermutlich mehr als strahlenden Augen. Endlich ist er da, wo er immer hinwollte, seit er Jesus folgt: im Licht. Lichter geht’s nicht. Meister, es ist gut, dass wir hier sind. Das ist Petrus.

Man müsste ihn umarmen für seine Ehrlichkeit.

Dann aber das völlig andere. Die Stimme aus der Wolke sagt leider nicht: Und nun – lasst es euch gut gehen. Sondern sie sagt: … auf den sollt ihr hören. Die Stimme, könnte man sagen, schaltet abrupt das innere Licht aus, in dem Petrus sich viel und gerne bewegt, bisweilen auch sonnt. Die Stimme tut das – und vermutlich auch Jesu Wissen, was dieser Augenblick wirklich bedeutet. Dieser Moment ist nicht das Leben; er bereitet nur die Augenblicke des Lebens vor, die kommen, die bald kommen. Am Fuß des Berges warten die Leidenstage auf Jesus. Und Petrus, der Maulheld, wie das früher hieß, wird dann schon längst wieder vergessen haben, dass er auf Jesus hören soll auch in den Momenten der Schmach. Im schlimmsten Augenblick behauptet er ja dann sogar, Jesus gar nicht zu kennen.

Gott beleuchtet nicht, um die Jünger zu verzaubern oder zu beeindrucken. Gott erleuchtet, um Zuhörer zu haben für diesen einen Satz: … auf den sollt ihr hören. Und zwar immer. Nicht nur im Licht. Gerade, wenn es finster ist, sollen wir hören, was er sagt: Haltet fest am Glauben; bewahrt euch die Haltung des Glaubens.

Bei der Sache sein

Würde ist, innerlich gerade sein zu können. Würde ist, wenn die Seele aufrecht geht. Würde ist, wenn die Seele sich nicht fürchtet zu verlieren. Und die Seele verliert dann nicht, wenn sie auch anderes kennt als nur sich selbst. Das lernt Petrus hier, besser gesagt: Er könnte es lernen, wenn er bei der Sache wäre. Ist er aber nicht. Er ist nicht bei der Sache, sondern bei sich. Eine der größten Sünden ist das: allein bei sich zu sein. Unwürdig ist es überdies. Die Seele verliert, wer nur bei sich ist und bleibt. Genährt und gestützt und gefestigt wird die Seele, wenn sie sich für anderes öffnet und fragt: Was wünscht sich Gott von mir?

Gott will uns nicht blenden, sondern erleuchten mit Klarheit. Klarheit erschreckt oft die Unsicheren. In der Heiligen Nacht erschrecken die Hirten, an diesem lichten Tag auf dem Berg erschrecken die Jünger und fürchten sich. Allein die Stimme Gottes vermag sie zu trösten: Dieser ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören. Gott ist da, im Lichten und dann, wenn es dunkel wird. Du brauchst kein anderes Licht, du hast doch Gott.

Ruhe bewahren

Würde ist, sich gehalten zu wissen, auch wenn das manchmal kaum zu glauben ist; geschweige denn zu spüren. Am Fuße des Berges warten Dunkelheit, Schmerz und das Gefühl von Gottverlassenheit. Viele kennen das. Und ihre Seele hat daran gelitten.

Viele haben aber auch erkannt, manchmal spät, dass die Gottverlassenheit, die sie gefühlt haben, doch keine war. Dass Gott nahe war entgegen dem Augenschein. Es war viel mehr von Gott da, als gedacht und gefühlt wurde. Es war sehr dunkel, das ist wahr. Aber es war nicht gottverlassen. Von solchen Menschen will ich lernen, abzuwarten, Ruhe zu bewahren, die Seele aufrecht gehen zu lassen, auch wenn ich sonst wenig bewegen kann. Würde ist, auch dann um Gottes Nähe zu wissen, wenn ich meine, ihn nicht zu spüren.

Wahres Heldentum

Der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace, gestorben 2008 mit 46 Jahren, hatte viele dunkle Stunden im Leben. Selbstzweifel und Schwermut waren bis zum Tod sein unheilvolles Gemisch. Als er langsam berühmt und geehrt wurde, freute er sich, aber es bedeutete ihm eher wenig. In einem Buch („Der bleiche König“) räumt er unter den Menschen auf, die er von einem Spaß zum nächsten eilen sieht. Von Würde könne da keine Rede sein, findet er, wenn man wie gehetzt ein Vergnügen nach dem anderen sucht, fast panisch von einem zum anderen läuft oder fährt aus Sorge, irgendetwas zu verpassen. Man verpasse dabei nur sich selbst und rede dauernd nur von sich. Würde, sagt er, sei etwas anderes. Und dann schreibt er: Wahres Heldentum, das sind Minuten, Stunden, Wochen, Monate und Jahre der stillen, präzisen und umsichtigen Ausübung von Sorgfalt und Redlichkeit – und niemand sieht zu und jubelt. Das ist die Welt.

Haltung im Glauben

Die wenigen großen Augenblicke im Leben gibt es, damit wir die vielen kleinen besser ertragen. Die hellen Zeiten im Leben gibt es, damit wir auch die dunkleren bestehen können – mit Sorgfalt, redlich und möglichst tapfer. Gott zeigt sich uns manchmal im Licht, damit wir in der Dunkelheit nicht denken müssen, er sei nicht da oder weg.

Wer sein Leben anschaut, erkennt darin einige große Momente, in denen man seufzte: Mein Gott, wie schön. Und dazu viele kleine, angeblich unbedeutende Momente, in denen man anders geseufzt hat, vielleicht: Mein Gott, warum ist das so? Nun kommt es darauf an, wie wir die angeblich kleinen, unbedeutenden, schmerzhaften Momente bestehen und darin die Haltung nicht verlieren, die empfiehlt: Ergehe dich nicht in Seufzen, versinke nicht in bitteren Anklagen oder Selbstvorwürfen, sondern bleibe geduldig, bis du Gott wieder vernimmst und erkennst.

Wer, wie Petrus, oft nur ans eigene Licht glaubt, versagt schnell, wenn’s dunkel wird. Wer das eigene Licht aber nicht überbewertet, wird im Dunkeln auch nicht zu schwarzsehen. Die Würde eines Lebens liegt in der Anständigkeit, mit der es gelebt wird. Und das nicht nur, wenn viele zusehen, jubeln und die Scheinwerfer leuchten. Da ist es ja leicht, sich als guter Mensch zu zeigen. Schwieriger wird es, wenn es ernst wird. Wenn es ans Eigene geht, was man ja so gerne schützt und festhält. Dann gilt: … auf den sollt ihr hören. Im Hören auf ihn bemühe ich mich, die Haltung des Glaubens zu bewahren.

Weil man dann wieder weiß: Anständigkeit erhebt auch die eigene Seele.


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