Sonntagsgedanken

Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.


15.09.2019

Jetzt spreche ich!

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, darf ich mich vorstellen: Ich bin der ältere Bruder. Nun spreche ich und mute Ihnen den ganzen Frust zu, der in mir steckt. Es heißt, heute gebe es Grund zum Feiern. Ich jedenfalls habe keine Lust dazu. Und niemand kann mich zur Mitfreude zwingen. Hier stehe ich – draußen vor der Tür – und kann nicht anders. Ich komme von der Arbeit und ärgere mich schwarz. Ich weiß: ich gebe dabei keine gute Figur ab. Dunkel ist es hier draußen, düster sieht es auch in mir aus. Ich höre Tanzmusik, aber sie versetzt mich nicht in Schwingung. Bratenduft liegt in der Luft, doch der bringt mich nicht auf den Geschmack. Da drinnen ist ein Freudenfest im Gange, und mir wurde zugetragen: Mein Vater gibt einen aus, weil dieser „Andere‘‘, der, dessen Namen ich gar nicht aussprechen möchte, wieder da ist – plötzlich und unerwartet. Eine kostspielige Feier – und ich, der Erstgeborene, der Ältere, erfahre es erst jetzt, und niemand weiß so recht, was es da Großes zu feiern gibt. Warum und womit hat der das verdient? Und was habe ich bei diesem Fest verloren?

Nach Mitfeiern ist mir nicht zumute. Stattdessen mache ich mir Luft. Man kann nicht alles in sich hineinfressen. Heute muss es raus, ich schreie meine Empörung hinaus. Alle sollen es hören! Sie müssen sich meine Auflehnung anhören! Normalerweise bin ich ganz anders. Bin ruhig und folgsam, nicht weiter auffällig; mag das Extravagante gar nicht, verhalte mich normal und tue, was sich gehört. Eigentlich bin ich ein Braver. Aber heute platzt mir der Kragen: Ich klage an – und ich vermute, dass viele sich so verhalten würden. Ich appelliere an Ihre Solidarität im Murren. Vereint im Frust!

Da ist etwas passiert, das mich in Rage versetzt. Ich ärgere mich über meinen Vater und über den da, der sich da drinnen nun feiern lässt. Vor einiger Zeit sagte der: „Ich bin dann mal weg!“, „Ich habe es satt zu Hause.“, „Weg, nur weg von hier …“ Er zog aus, sich seinen Lebenstraum zu erfüllen. So hat er sein Glück gesucht und alles draufgemacht; und dann schlich er mit leeren Händen nach Hause. Klar! Kann man verstehen. Bei Vatter riecht es halt besser als im Schweinestall. Aber erzähle mir bitte keiner, dass das schon Reue ist! Diese großen Worte – ich kann sie nicht mehr hören: tiefe Reue und ehrliche Umkehr. Krokodilstränen. Da lachen ja die Hühner! Sagen wir es doch offen: Der Rückweg des Abenteurers war alternativlos. Dem Versager da fiel einfach nichts Besseres ein, als nach Hause zu kriechen und auswendig gelernte Entschuldigungen aufzusagen. Und Vater zeigte sich natürlich spendabel für diesen Fernstehenden, ja, er kriegt sich vor lauter Freude gar nicht mehr ein, der närrische Alte. Das kann ja wohl nicht wahr sein!

Darüber soll ich mich freuen? Warum freuen ausgerechnet über den jüngeren Bruder, den ich schon längst hinter mir gelassen habe – aus den Augen, aus dem Sinn! „Hänschen klein, ging allein in die weite Welt hinein.“ Er ging – und scheiterte! Selber schuld! Was kann ich denn dafür, dass das nicht gut ging und er sich draußen selbst verlor. Jeder ist seines Glückes oder Unglückes Schmied.

Gut, ich gebe ja zu: ich bin unzufrieden mit mir selbst; denn diese Freiheiten habe ich mir nie erlaubt, auch wenn ich zuweilen davon träumte, einen draufzumachen oder auszusteigen, zumindest auf Zeit. Sie wissen schon: den Geruch von Freiheit und Abenteuer schnuppern, an die Grenze des Erlaubten gehen … Daraus wurde nie etwas. Und so stehe ich hier in meiner verschwitzten Arbeitskleidung; einer muss ja arbeiten. Und der da ist fein raus, wurde extra von Vater neu eingekleidet – so, als sei er ein neuer Mensch. Und ich?

Mein fremder Vater

Offen gesagt, mein Vater regt mich noch mehr auf als dieser Spätheimkehrer – weil er so maßlos übertreibt. Seit Monaten habe ich sein seltsames Verhalten ertragen müssen – schon damals, als er diesen Verschwender so üppig ausgestattet hat. Und dann: wie er stundenlang am Fenster stand und rausguckte, ob er nicht vielleicht doch wieder zurückkommt. Selbst nachts hat er die Tür nie verschlossen, immer nur angelehnt, als hätten wir auf unserem Hof permanent den Tag der offenen Tür. Vater hat den ganzen lieben Tag nichts anderes getan, als auf diesen Einen zu warten! Wo er doch noch mich hat, den Erstgeborenen! Das müsste ihm reichen. Nein, dieser Eine hielt seine ganze Gedankenwelt besetzt. Ich hab’s schon immer gewusst: der Andere, der ist halt sein Lieblingssohn. An ihm hat er einen Narren gefressen.

Ja, ich merke, in mir steigt etwas auf, was nicht sein darf. Man nennt es Neid, Missgunst, Frust. Ich gebe zu: Das ist kein heiliger Zorn, sondern ein giftiger Cocktail schlechter Gefühle. Ich verliere mich in Selbstgesprächen. Ich ahne: diese dunklen Gedanken tun mir nicht gut. Ich bin nicht glücklich über mich, so giftig und versteinert, wie ich bin. Etwas in mir sagt mir: Spring über deinen Schatten, gib dir den berühmten „Ruck“ … Ich erschrecke, wie fremd mir mein Vater ist, wie er mir in meinem freudlosen Hadern verloren geht. Der verlorene Vater. Ich kenne ihn zu wenig, meinen Vater – obwohl er all die Jahre über Zeit für mich hatte.

Wer findet mich Verlorenen?

Wer unterbricht meine Selbstgespräche? Wer bringt mich auf gute Gedanken? Mein Vater, der irritiert. Es heißt, er sei ganz außer Rand und Band gewesen vor lauter Freude. Ein wenig würdelos für sein Alter. Echt peinlich sein Auftritt, wie er sich als glücklicher Finder aufführte, als er den Verlorenen im Arm hielt. Ich muss zugeben: In seinem Entgegenkommen ist er so jung und lebendig! Ihm gegenüber sehe ich alt aus. Immer handelt er so ganz anders, als man vermutet. Was da mit dem verlotterten Spätheimkehrer passiert ist, das gibt’s nicht, das ist nicht normal, eine unmögliche Geschichte, nicht von dieser Welt. Etwas Verrücktes, ohne Hintergedanken, ohne Bedingungen.

Mir ist diese zuvorkommende Ader völlig fremd, obwohl ich so oft mit meinem Vater zu tun habe. Ich habe mir diesen Wesenszug von ihm immer noch nicht abgeschaut. Kann ich das jemals lernen, was ihn bewegt? Werde ich diese verrückte Barmherzigkeit vererbt bekommen – oder kann ich mir solche Güte nur gefallen lassen? Könnte ich doch jemals diesen seltsamen Vater verstehen und staunen, dass es so jemanden gibt! Einen, der nichts und niemanden aufgibt, einen, dessen einzige Sorge es ist, dass nichts verloren geht. Dass nichts und niemand verloren geht! Einen, der Lust am Warten und Suchen hat und sich wie ein Kind freut am Wiederfinden …

Es muss etwas geschehen, auch mit mir! Ein kleines Wunder vielleicht. Es müsste einer wie mein Vater auftauchen, der auch nach mir sieht und mich zu Tisch bittet. Einer, der mir entgegenkommt, mir gut zuredet, auch mich umarmt: Einer, der meinen Stolz verwandelt und mich mit seiner Freude ansteckt. Alleine jedenfalls komme ich nicht aus meinen Selbstgesprächen heraus. Ein ganz anderer müsste auftauchen und mich überraschen und mich mit Engelsgeduld dazu bewegen, einfach nur gönnen zu können; mich mitzufreuen darüber, dass es Güte gibt in der Welt. Einer muss kommen, der mich berührt mit dieser fremden Güte; einer, der mein kaltes Herz wärmt und mich auftaut mit dem Frühling solcher Barmherzigkeit. Einer, der das Tote in mir zum Leben erweckt. Einer, der mich wie mit Engelszungen hineinbittet, hineinzieht in das Fest seiner Liebe, das längst angefangen hat. Einer, der mich erkennen lässt: Ohne mich, ohne meine Mitfreude wäre das Fest gefährdet. – Werde ich mir einen Ruck geben und mich anstecken lassen von der seltsamen und allumfassenden Freude meines Vaters? Werde ich meinem Bruder wieder in die Augen sehen können? Hoffentlich, vielleicht geschieht ja auch mir ein Wunder – so, dass ich nicht ewig draußen bleibe …

Da kommt der Vater! Die Tür zum Fest steht offen. Licht aus dem Festsaal dringt nach draußen. Er stolpert fast auf mich zu. Was passiert jetzt mit mir? Werde ich meinen alten Gewohnheiten treu bleiben und abblocken? Oder wird er in mir Resonanz auslösen? Werde ich eintreten und mich mitfreuen und kosten, wie freundlich mein Vater ist und wie gut es bei diesem Fest nach „Himmel“ schmeckt …?


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