Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

26.02.2020 - Aschermittwoch

Außenwirkung

„Wie nehmen uns die Gläubigen als katholische Kirche eigentlich wahr?“, so fragten sich Verantwortliche aus dem Bistum Münster und gaben 2013 eine Zufriedenheitsstudie in Auftrag. Befragt wurden daraufhin über 1.000 Katholiken in der Diözese und das Ergebnis der repräsentativen Umfrage war ernüchternd: Die Unzufriedenheit mit der Institution Kirche ist (damals schon!) hoch, selbst die eigene Pfarrgemeinde wird im Blick auf Gottesdienst und Seelsorge von den meisten Befragten eher kritisch eingeschätzt. Zudem gaben die Menschen an, oft gar nicht genau zu wissen, welche Angebote und Einrichtungen denn im Einzelnen zur katholischen Kirche und zum Bistum Münster gehörten.

Die Außenwirkung der Kirche im Bistum Münster ist demnach recht problematisch, und man darf annehmen, dass eine solche Zufriedenheitsstudie in anderen Bistümern ähnliche Ergebnisse zutage fördern würde. Die Kirche in Deutschland muss sich eingestehen, dass sie ein massives Image-Problem hat. Nicht erst seit den aufgedeckten Missbrauchsskandalen wird deutlich, dass für viele Menschen nicht mehr erkennbar ist, wo und wie die Kirche dem Leben guttut.

Außenwirkung, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, das klingt für sie vielleicht schon nach Marketing und Unternehmensphilosophie. Doch die Frage: „Wie wirke ich auf andere?“, ist grundlegend für alles menschliche Zusammenleben. Wenn meine Selbsteinschätzung von mir sehr deutlich abweicht von der Wahrnehmung und Beurteilung meiner Mitmenschen, dann habe ich ein Problem. In der Psychologie spricht man von Selbstbild-Fremdbild-Inkongruenz. Das heißt, da passt etwas nicht zusammen. Erst die weitgehende Übereinstimmung von meinem Selbstbild und dem Bild, das andere von mir haben, lässt mich als „stimmig“, als glaubwürdig, authentisch und „echt“ erscheinen.

Hütet euch

Mir scheint, Jesus hatte ein gutes Gespür für jene Formen religiöser Außenwirkung, die etwas höchst Problematisches in sich tragen: Wenn Frömmigkeit der Selbstdarstellung dient, wenn Wohltätigkeit, Gebet und Fasten zur Schau getragen werden, um einen Gewinn an Ansehen zu erzielen, dann stimmt etwas nicht. Denn alle frommen Handlungen, alle guten Werke dienen doch dem, was Jesus als das Zentrale im Leben eines gläubigen Menschen ansieht: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Liebe, die auf Vorteile aus ist, ist halt keine Liebe. Und frommes Tun, das der eigenen Selbstbespiegelung dient, hat nicht die Gottesbeziehung im Blick, sondern das eigene Ego. Wer Geld für den Armen gibt, um gelobt zu werden, der hat nicht vorrangig den Nächsten im Blick, sondern sich selbst. Und wer seine Gebete spricht, damit die Leute ihn als frommen Menschen schätzen, der verrät das Gebet als tiefsten (oder höchsten) Ausdruck des Lebens.

„Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zu tun, um gesehen zu werden.“ Jesu Warnung ist ernst zu nehmen, weil die Versuchung, auch religiöses Handeln zu verzwecken, bei uns Menschen so groß ist.

Tue Gutes und rede darüber

Wie gehen wir angesichts der deutlichen Mahnung unseres Evangeliums mit dem altbekannten Satz um: „Tue Gutes und rede darüber“? Ist der Ausspruch für die Kirche und den Glauben wenig hilfreich, ja führt er uns gar auf einen falschen Weg? Oder braucht es im Blick auf die bereits erwähnte Zufriedenheitsstudie und das Image-Problem der Kirche nicht gerade die Kommunikation über das, was eine gute Außenwirkung befördern könnte? Das hieße doch: Wir müssen vernehmbar über das Gute sprechen, das in und durch die Kirche geschieht.

Halten wir fest: Jesus geht es in unserem Evangelium um Scheinheiligkeit, eine Form von Doppelleben im Gewand des Religiösen. Die Außenseite zeigt Barmherzigkeit, frommes Gebet, große Fastenanstrengungen. Die Innenseite jedoch ist Selbstbezogenheit, Eitelkeit und Vorteildenken.

Ja, ich denke, wir dürfen über das Gute sprechen, das wir als Kirche und als engagierte Christen tun (vgl. Mt 5,16). Wir dürfen unsere Spiritualität zeigen und sie offen leben. Doch zuallererst will das Gute wirklich getan und die Gottesbeziehung mit Herz, Seele und Verstand gelebt werden. Ohne Lohngedanken, ohne Kosten-Nutzen-Abwägung, ohne fromme Selbstbespiegelung. Es braucht den echten Hunger nach Gerechtigkeit und nicht das Schielen nach Nützlichkeiten und eigenen Vorteilen. Das Leben der Christen und aller kirchlichen Repräsentanten verträgt kein Doppelleben, keine Scheinheiligkeit. Weder im Gottesdienst noch im Umgang mit den Menschen. Paul Claudel hat einmal treffend geschrieben: „Rede nur, wenn du gefragt wirst, aber lebe so, dass man dich fragt!“ Wir sollten diesen klugen Satz als Kirche sehr beherzigen.

Denken wir darüber nach


Papst Franziskus ist es ja bekanntlich ein großes Anliegen, die Katholiken und besonders die kirchlichen Würdenträger vor Scheinheiligkeit zu warnen. Vor Verantwortlichen für die Bibelpastoral spricht der Papst von der Bibel als einer „Spritze voll Leben“. Sie sei ein „Impfstoff gegen Selbstbezogenheit und Selbsterhaltung (…). Sie entreißt uns dem Wunsch, uns selbst in den Mittelpunkt zu stellen; sie bewahrt uns vor Selbstgenügsamkeit und Triumphalismus und sie ruft uns beständig dazu auf, über uns selbst hinauszuwachsen“ (26. April 2019).

Starke Worte, wie sie der Papst auch bei einer Frühmesse in Rom findet. Dort warnt er Katholiken davor, ein Doppelleben zu führen und in ihrem Handeln dem Evangelium zu widersprechen. Alle, die von sich sagen, dass sie sehr katholisch sind, jedoch zugleich ein moralisch zweifelhaftes Leben führen, kritisiert er scharf – und lädt in seiner direkten, nicht unbedingt auf Diplomatie abzielenden Art zum Nachdenken ein: „Uns allen, jedem von uns, wird es guttun, heute darüber nachzudenken: Gibt es ein doppeltes Leben in uns, erscheinen wir gerecht, als gute Gläubige, gute Katholiken, machen aber hintenherum eine andere Sache? Gibt es ein doppeltes Leben, auch zu viel Vertrauen in uns nach dem Motto: ‚Aber ja, der Herr wird mir dann schon alles vergeben, ich mache einmal weiter …‘ Sagt etwas in uns: ‚Ja, das ist nicht in Ordnung, ich werde mich bekehren, aber nicht heute, sondern morgen.‘ Denken wir darüber nach!“

Nun, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, denken wir darüber nach. Die Fastenzeit lädt uns dazu ein.