Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

11.08.2019

Kein Sommermärchen

Es ist Sommer, und doch fröstelt es einem beim Zuhören. Geboten wird uns keine Zerstreuung, keine Strandlektüre. Muss das sein? Ist Gottes Wort eine Spaßbremse? Spürbar nimmt in diesen Augusttagen die Tageslänge wieder ab und die Dunkelheit wächst. Wir werden daran erinnert, dass die Zeit, die Ferienzeit, die Lebenszeit knapp ist. Wenn wir uns heute zum Kirchgang entschlossen haben, dann nehmen wir uns Zeit für wirklich Wichtiges. Auch das ist ein Aspekt von Urlaub und Ferien. Wir genießen das Leben („Carpe diem!“), und das sei uns gegönnt! Wir lassen dabei nicht nur die Seele baumeln. Von Zeit zu Zeit ist es höchste Zeit, innezuhalten, sich auf die Konfrontation mit Jesu fremder „Botschaft heute“ einzulassen, sich Lebenswichtiges sagen zu lassen, sich dabei selbst auf den Grund zu kommen.

Jesus erzählt ein Gleichnis, das kein Sommermärchen ist. Er wiederholt sich mit seinen Geschichten, stellt uns vor alte Bekannte, um uns zu sagen: Du, Mensch, sei kein Narr! Erkenne dich selbst und den, vor dem du stehst ein Leben lang! Wach auf, denn du bist verbesserlich! Wie lebst du? Von welchen Ressourcen zehrst du? Lass es dir gesagt sein, auch wenn du es ohnehin weißt: Dein Leben ist befristet. Wie gestaltest du diese dir zugeteilte Zeit?

Urlaub ist mehr als Zwischenstopp an der Tankstelle des Lebens. Das Leben braucht ein Innehalten, um über das Getane oder noch zu Tuende nachzudenken und zu staunen über die Farben und das Licht des Sommers. Abzuschalten fällt vielen Zeitgenossen schwer. Auch im Urlaub werden dienstliche E-Mails gecheckt. Zu selten erwächst in der Sommerfrische die Erkenntnis: So darf es mit mir nicht weitergehen. Ich muss mein Leben ändern. Dringlich ändern.

Selbstgespräche

Darum mischt sich Jesus ein, er interveniert, indem er eine Geschichte erzählt, kein Gleichnis vom Himmelreich, eher eine Schocktherapie: die Geschichte vom „reichen Kornbauern“ oder dem „törichten Reichen“.

Im Mithören überschreiten wir eine gelbe Linie und werden Mitwisser, werden eingeweiht in Selbstgespräche eines Namenlosen. Vielleicht kenne ich ihn von irgendwoher, ist er ein alter Bekannter? Ich werde ertappt. So denke ich auch zuweilen. Dieser Vordenker ist ein „Jedermann“ – wie der Held in Hofmannsthals Schauspiel bei den Salzburger Festspielen. Dieser Jedermann ist kein Nobody. Jesus stellt uns einen wohlhabenden Agrarunternehmer aus Galiläa vor Augen. Wir machen also Bekanntschaft mit einem erfolgreichen und darum reichen Kornbauern, einem Scheunenbesitzer und dem, was ihn umtreibt. Bei ihm geht’s nicht um das ewige Leben, das liegt ihm fern, sondern um das zeitliche Leben. Er hat Glück gehabt und konnte stetig wachsende Ernteerträge einfahren. Nach einem Dankgebet ist ihm nicht zumute. Er ist stolz und selbstzufrieden, seines eigenen Glückes Schmied. Der, der ihm die Ernten gibt, liegt nicht in seinem Blick. Gott taucht in den Selbstgesprächen des Bauern nicht auf. Ihm fiele es nicht ein, vor Gott Erntedank zu feiern.

Bauer sucht (keine) Frau

Dieser reiche Typ präsentiert uns sein armes Innenleben. Uns kommt ein Mensch nahe, der kein menschliches Gegenüber kennt und daher in einen inneren Monolog verfällt. Ungewollt teilt er seine Gedanken und Abgründe mit uns, gibt preis, was ihn antreibt und fesselt. Wir hören also einem Weltkind beim Denken und Sondieren zu.

Ich erschrecke, weil ich Züge von mir in ihm wahrnehme, weil er mein unheimlicher Doppelgänger ist. Auch ich stecke tief im Diesseits, im Vorletzten also. Ich besitze zwar keine großen Scheunen; doch auch ich sammle zu viel, bin reich an Unnützem und schleppe es mit wie übergewichtiges Reisegepäck. Ich werde unbeweglich angesichts all der Bücher und dem Klimbim, die mein Umfeld beengen. Ich kann mich so schwer von all dem Angesammelten trennen. So viele Trophäen der Vergangenheit stellen meinen Lebensraum zu. Das Reisegepäck meines Lebens hat Übergewicht.

„Bauer sucht Frau“, heißt eine Reihe im Privat-TV. Egal, was man von dieser Sendung hält: Diesem Großbauern würde man eine Frau wünschen, die anders gestrickt ist als er und ihn auf neue Gedanken bringt. Der arme Reiche ist anscheinend alleinstehend, ein Junggeselle; einsam, nicht sozial gebunden, ein Einzelgänger. Er wird nichts einem anderen abgeben, hat keine Erben. Er rackert sich ab – allein für sich. Niemand taucht auf, mit dem er teilen und sich mitteilen könnte. So einer kann einem leidtun. Er sehnt sich danach und lebt darauf hin, eines Tages das Ganze auskosten zu können. Aber hat er wirklich Bedürfnisse und Sehnsüchte, kennt er Heimweh, Glücksgefühle, Gründe zum Staunen, Liebeskummer …?

Liebe, Gemeinwohl, Familienwerte kommen im Leben dieses Bauern nicht vor. Er fabuliert zwar von zukünftigem Lebensgenuss und will seine Seelenruhe. Doch ihm würde es nicht in den Sinn kommen, jetzt „verschwenderisch“ zu leben. Er gönnt sich heute nichts, nimmt sich keinen Urlaub. Nein, dieser Mann ist nicht fähig zur Pause, zu Ferien. Er hat genug mit sich selbst zu tun und mit der Organisation seines Erfolgs. Er möchte sich absichern. Das allein ist ihm nicht vorzuhalten; auch ich habe eine kleine Lebensversicherung abgeschlossen, treibe Vorsorge, mache mir Gedanken, wie man den Ruhestand gestaltet.

Unser Anti-Held aus dem Gleichnis ist kein „schlechter Mensch“; er ist zwar nicht „reich vor Gott“; doch nirgendwo ist gesagt, dass er gnadenlos auf Kosten anderer lebt. Äußerlich betrachtet geschieht hier nichts Böses. Von Sparwut, geilem Geiz, exzessiver Schnäppchenjagd, Turbokapitalismus, unlauteren Geschäften oder maßlosem Lebensgenuss ist nicht die Rede. Dekadente Exzesse und Ausschweifungen passen nicht zu ihm. Eher wirkt er langweilig und lustunfähig, verbringt ziemlich puritanisch ein erlebnisarmes Leben. Er findet keine Lust im Genuss, sondern in der Steigerung seines Depots. Gerne würde ich ihm seine sehr reduzierte Lebensweise ausreden, in der sich alles nur um das Raffen und Zusammenhalten des ihm Zugewachsenen, um größere Scheunen zur Unterbringung des wachsenden Reichtums dreht. Zur Sicherung seiner Habe muss er an bewaffnete Wachgesellschaften und Alarmanlagen denken. Eine fatale Verlustangst hat ihn voll im Griff. Zukunfts-Vorsorge, Daseins-Erhaltung, Selbst-Erhaltung, Angst vor Selbst-Verlust … Dieser kluge Mann baut vor – und entlarvt sich gerade darin als närrisch und blöd.

Verabredung mit dem Tod

Alles läuft auf die Konfrontation mit dem hinaus, den dieser erfolgreiche Macher aus dem Blick verloren hat. Er lebt – wie auch ich im geschäftigen Alltag –, als ob es Gott nicht gäbe. Diese Vergesslichkeit ist sein und mein Problem.

Doch unvermutet tritt Gott aus seinem „Dahinter“. Immer ist er in unserem Leben dabei, dazwischen, dahinter, verborgen, so übersehbar leise. Plötzlich und unerwartet ist er unverhüllt da, als Befristung und Erfüllung, als Bruch und Heil. Dann ist es zu spät: beim Erscheinen Gottes – wie eines Todesengels – wird diesem „Jedermann“ klar, dass der Tod seine todsichere Zukunft ist. Keine expandierenden Agrarfabriken werden ihn davor bewahren können. Unangemeldet tritt Gott auf und stellt sich quer. So wird der eifrige „Häuslebauer“ als „Narr“ angesprochen. Und Gott wird ihm jäh zur Überraschung, Grenze, Unterbrechung. Ob wir wollen oder nicht: einmal wird mein Leben entschleunigt.

Gott sei Dank gibt Gott uns „Arbeitstieren“ Zeit, heute den Sonntag, die heilsame Unterbrechung meiner Selbstbeschäftigung. Es ist der Tag, an dem Er die Notbremse zieht, wenn ich in Gefahr bin, „dumm“ zu werden wie dieser blöde Reiche. Es ist die Stunde, in der Christus durchaus auch warnend und bittend zwischen uns tritt und mich hoffentlich rechtzeitig zur Besinnung bringt. Zu viel steht auf dem Spiel. Lassen wir ihn eintreten und dazwischenreden, unseren Christus, den göttlichen Störenfried, den heilsamen Erwecker!