Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

01.12.2019

Haben Sie sich erschreckt? Ein ungewohntes, gar nicht besinnliches Geräusch im Gottesdienst … Haben Sie sich gar geärgert? Was soll die Spielerei in der Kirche? Vielleicht hatten Sie es sich – nach diesem Evangelium! – gerade ein wenig gemütlich gemacht, als Sie mit dem schrillen Ton aufgeweckt wurden.

Ich gebe zu, dieser Wecker ist ein altertümliches In-strument. Er liegt bei mir in der Rumpelkammer. Denn inzwischen gibt es sanftere Möglichkeiten, sich aus dem Schlaf holen zu lassen. Die einen benutzen das Smartphone, andere lassen sich über das Radio mit Musik wecken, wieder andere werden von einem kräftigen Lichtstrahl wach. Auf jeden Fall sind die modernen Methoden sanfter, nicht so brutal wie der Wecker aus Omas Zeit. Heute habe ich ihn absichtlich benutzt. „Böse“, wie ich bin, wollte ich tatsächlich erschrecken und heilsam aufrütteln.

„Wachet auf!“ klingt gut. Tun wir’s denn?

Am Beginn des Advents singen wir vollmundig: „Wachet auf!“ Aber wachen wir wirklich auf? Oder gehört das beliebte Lied nur zum jährlich wiederholten Repertoire adventlicher Liturgie? Selbst im Schlaf beherrschen wir die Melodie. Jahr für Jahr sind wir darauf getrimmt, ohne zu merken, was Advent wirklich ist.

Und draußen erst! In den Einkaufsgalerien berauschen sich viele an der glitzernden Weihnachtsbeleuchtung. Jedes Jahr zieht sie aufs Neue die Aufmerksamkeit auf sich. Aus den Lautsprechern erklingen längst Weihnachtslieder in verschiedenen Varianten, obwohl das Fest noch fern ist. Die Hektik in den Shops verspricht keine „stille Nacht“. Auf dem Christkindlmarkt hat der Glühweinstand den meisten Zulauf. Nach einigen Bechern des heißen Getränkes vernebelt sich der Blick auf das Christkind immer stärker, und es ward nicht mehr gesehen. Die Predigerinnen und Prediger schimpfen jedes Jahr neu über den verkorksten Advent, aber ändern tun sie damit nichts.

Deshalb wollte ich aufwecken, nicht mit einer sanften Melodie, sondern mit einem lauten, schrillen Ton. Vielleicht gelingt es mir und Ihnen, den Advent einmal anders zu beginnen, aufmerksamer, wacher.

Die Leute zur Zeit Noachs beginnen ihren Advent vor der Katastrophe wie immer. Sie essen und trinken, sie heiraten und zeugen Kinder. Nichts in ihrem Leben verrät eine innere Ungeduld. Alles läuft so, wie sie es gewohnt sind. Der Tsunami überrascht sie in der Nacht, als sie in ihren Häusern fest schlafen. Sie werden allesamt vernichtet. Mit einer Flutkatastrophe hatten die Schläfer nicht gerechnet. Nirgendwo hatten sie erste Anzeichen erkennen können. Einzig Noach hatte sich vorbereitet, aber ihn und sein Projekt Arche nahmen sie nicht ernst. Spinner, die apokalyptische Drohungen predigten, gab und gibt es überall. Sie faseln vom Weltuntergang, und nichts passiert. Warum sollte es diesmal anders sein? Weshalb sollte ausgerechnet Noach mehr wissen als die anderen?

Noach wusste Bescheid

Die Sintflut bewies, dass er tatsächlich Bescheid wusste. Als Einziger war er hellwach gewesen und hatte aufmerksam seine Tage gelebt. Um ihn geht es dem Evangelium Jesu, nicht um die Auswirkungen vernichtender Umweltkatastrophen. Tsunamis, Erdbeben und Vulkanausbrüche sind nur Beispiele für eine lebenswichtige Warnung. Sie lautet: Jeder Mensch ist begrenzt, jeder ist ständig vom Tod bedroht, der entscheidenden Katastrophe für den Menschen. Von zwei Männern, die auf der Baustelle arbeiten, fällt plötzlich einer tot um, während der andere steinalt wird. Zwei Frauen gehen einkaufen, die eine kommt mit vollen Taschen nach Hause, während die andere vom Bus überfahren wird. Es gibt keine Sicherheit vor dem Tod, außer man bereitet sich darauf vor.

Der Advent will uns hellwach machen und die Augen öffnen. Die vier Wochen vor Weihnachten drohen nicht. Sie laden uns ein, genauer auf das Leben hinzuschauen. Denn wer genauer hinschaut, wird nicht überrascht von dem, was über ihn und seine Welt hereinbricht. Mit offenen Augen zu beobachten ist die beste Vorbereitung. Auf diese Weise lässt sich das Haus absichern. Dann sind die Fenster verriegelt, die Türen verschlossen und mit keinem Einbruchswerkzeug aufzubrechen, so- dass der Dieb enttäuscht ohne Beute abzieht.

Aufwachen aus (gottesdienstlichen) Gewohnheiten

Vielleicht verstehen Sie jetzt, weshalb ich Sie mitten im Gottesdienst so brutal gestört habe. Ich wollte unsere gottesdienstlichen Gewohnheiten durchrütteln und Sie dafür wecken, dass nicht alles so weiterläuft, wie es bisher gelaufen ist. Wir Christinnen und Christen – das ist zumindest der Anspruch, die Chance – leben planvoll in den Tag, da wir um die begrenzte Zeit unserer Welt und unseres Lebens wissen. Alles hat ein Ende, weil der Herr Jesus Christus dann kommt. Auf ihn warten wir. Deshalb habe ich den Advent mit dem durchdringenden Weckruf, anders als in anderen Jahren, begonnen. Der schrille Wecker rüttelt auf, er macht wach, wie es das Evangelium verlangt.

Gerade im Advent wird bewusst, dass Christinnen und Christen – wenn sie denn den echten Advent halten – sich nicht einlullen lassen, weder von einer schummrigen Beleuchtung noch von gemütlichen Liedern. Sie durchschauen eine falsche, nur heimelige Adventsstimmung und erkennen die Zeichen der Zeit. Was in ihrer Welt los ist und was ihnen ihr eigener Körper sagt, das verstehen sie zu deuten auf die Ankunft Jesu Christi hin. Denn mit ihr rechnen sie. Ob Irankrise oder viel zu hoher Blutdruck: der Herr kündigt sich an. Afghanistan, Syrien, Zucker und Arthrose sind wichtige Zeichen, denen wir hellwach begegnen sollten.

Darum schlage ich Ihnen für die erste Adventswoche vor, jeden Tag die ersten Seiten der Zeitung wach und aufmerksam zu lesen. Wer keine Tageszeitung bezieht, kann auf „Heute“ oder „Tagesschau“ ausweichen. Die Zeichen der Zeit hellwach mitzubekommen ist wichtig, damit wir vorbereitet sind auf die Ankunft des Herrn. Vielleicht (dabei den Wecker nochmal aufziehen) merken Sie sich das Schrillen des alten Weckers (und ihn ablaufen lassen).