27.05.2018

Die Raumfrage

Eine passende Wohnung zu finden ist schwierig geworden in Deutschland. Besonders in den Städten. Nicht nur eine Wohnung zu finden, die gefällt und in die mein Haushalt passt, sondern auch eine, die man bezahlen, die man sich leisten kann. Das ist nicht erst so, seit viele Menschen aus anderen Ländern zu uns kommen, weil sie daheim kein Dach mehr über dem Kopf haben. Bezahlbarer Wohnraum wird knapp, wo du für dein Geld auf der Bank keine oder, wenn überhaupt, nur noch extrem geringe Zinsen bekommst. Da legt, wer’s hat, sein Geld doch lieber in Immobilien an – und steigert damit die Kauf- und Mietpreise.

Weil es schwierig geworden ist, eine bezahlbare und passende Wohnung zu finden, ist die Erleichterung groß, wenn man was findet. Wenn du endlich vier Wände hast, in denen du alles unterkriegst, in denen du dich wohlfühlst. Vielleicht sogar ein kleines Gärtchen zum Entspannen oder einen Balkon mit schönem Ausblick und vielleicht sogar mit netten Nachbarn. Das ist was Feines. Da legst du gern die Füße hoch und lässt es dir gut gehen. Ein Raum, der dir Zuhause ist und den du auch gern gestaltest. Die Wände ausmalst in Farben, die Dir gefallen, oder tapezierst, wie du willst. Räume wollen gestaltet werden.

Raum für den Menschen

Damit fängt‘s an. Nicht nur, wenn wir irgendwo einziehen. Damit fängt’s schon ganz am Anfang an: Gott schafft einen Raum, so beschreibt es die Bibel, einen Garten, in dem der Mensch leben und überleben kann. Allzu viele Anweisungen bekommt der Mensch nicht, eigentlich nur zwei. Nämlich von dem einen Baum nicht zu essen und ansonsten für den Garten Verantwortung zu übernehmen. Als der Mensch damit aber nicht zurechtkommt, muss er den Garten verlassen, aber Gott lässt ihn auch danach nicht ins Leere laufen.

Die Geschichte wiederholt sich. Gott schenkt neue Räume mit neuen Aufgaben. Als die Welt sich total verstrickt, beruft er Noach und hilft Mensch und Tier zu überleben und neu anzufangen. Ganz deutlich macht Gott, dass es ihm um eine Beziehung geht, einen Bund, an den der Regenbogen bis heute erinnert.

Eine prägende Erfahrung macht das Volk – darauf hebt die 1. Lesung ab – beim Auszug aus Ägypten. Es herrscht nicht nur irgendwie Platzmangel, sondern es wird extrem eng. Von den Ägyptern unterdrückt und ausgebeutet, droht das Volk zugrunde zu gehen. Also greift Gott wieder ein und holt sie heraus. Ähnlich wie bei der Schöpfung gibt Gott wieder nicht allzu viele Anweisungen, geht nicht ins Detail. Entscheidend ist eigentlich nur, dass das Volk sich an diese befreiende Erfahrung erinnert, dadurch die Beziehung zu Gott lebendig hält und aus der Erinnerung heraus den geschenkten Raum in Gottes Sinn menschenwürdig gestaltet.

Freiräume, die Jesus schafft

Dass Gott für uns Freiräume schafft und Räume eröffnet, in denen wir leben und aufleben können, wird besonders deutlich in Jesus. Er beruft Menschen aus ihrem Alltag heraus in eine ganz neue Weite, lässt sie teilhaben an seiner Sichtweise, seinem Leben, seiner Aufgabe. Er ruft Menschen aus ihrer Enge, in die sie Krankheit oder Schuld oder die Ignoranz anderer getrieben haben. Schließlich eröffnet er durch sein Kreuz und seine Auferstehung allen den Zugang zu einem Leben, das kein Ende mehr kennt, ein Leben in Fülle und in Gemeinschaft.

Und wieder ist es eine Beziehungsgeschichte, um die es geht. Denn wer dem Ruf Jesu folgt, der hört nicht nur etwas oder liest nicht nur etwas, sondern der lebt bei und mit dem, den der Vater gesandt hat. Ohne die Beziehung zu Jesus gibt es keinen neuen Freiraum, gibt es keine neuen Möglichkeiten, sehe ich nicht die Weite, kann ich die neuen Räume nicht entsprechend gestalten.

Paulus ist das sehr bewusst. Vielleicht auch deshalb, weil er selbst eine Phase der Verweigerung, eine Zeit des Ohne-Jesus, ja Gegen-Jesus durchlebt hat. Als er sich schließlich dafür entscheidet, dass es jetzt Zeit ist, mit Jesus zu leben, da spürt er einen Rückenwind, wie er ihn vorher nicht gekannt hat. Es ist – so haben wir es in der zweiten Lesung gehört – eine Kraft im Spiel, die uns Mut macht, die uns Auftrieb gibt und unsere Kreativität anregt. Paulus spürt: Das Leben mit Jesus, dem von Gott gesandten Menschensohn, bringt dich nicht nur auf eine neue Ebene, sondern Jesus erfüllt uns dabei sogar noch mit seinem Geist.

Leben in der Sphäre des Kreuzes

Die Erfahrung des Paulus veranschaulicht, worum es geht. Wer sich auf Jesus einlässt, der kommt in eine ganz neue Sphäre. Du kommst in einen Raum, der dir von Gott geschenkt wird, in dem dich Jesus bei der Hand nimmt, wo dich der Geist inspiriert und vorantreibt. Du kommst in einen Raum, in dem du in vielfältiger Weise in Beziehung stehst zum dreifaltigen Gott.

Mit dem Kreuzzeichen, das wir immer wieder über und auf uns zeichnen, erinnern wir uns daran: Von oben bis unten, von rechts bis links bin ich von Gott gesegnet, von ihm umhüllt, vereinnahmt im besten Sinne. Nicht eingespannt zwischen Seilen, nicht gefangen wie in einem Spinnennetz, sondern geöffnet und ermutigt, immer wieder aufzubrechen, Gottes gutes Wort weiterzusagen und andere in den guten Frei-Raum Gottes einzuladen. Eingeladen und ermutigt, sich wie die Jünger von Jesus senden zu lassen, um Menschen zu begeistern, dass auch sie sich für Jesus entscheiden und sich eventuell taufen lassen, um in der Sphäre des Kreuzes – des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes – zu leben.

Andere daran teilhaben lassen

Mit dem Kreuzzeichen erinnern wir uns also immer wieder daran, was Gott uns geschenkt hat und jeden Tag neu schenkt. Wir erinnern uns aber auch daran, wie es unter uns zugehen sollte. Wir werden ja nicht als Einzelne für uns selbst berufen, sondern als Einzelne füreinander.

Kirche im Großen und Gemeinde im Kleinen hier bei uns am Ort hat sich deshalb stets zu fragen, ob es denn bei uns genügend Räume gibt oder vielleicht zu eng zugeht. Geben wir einander genügend Freiräume, die Alten den Jungen, die Jungen den Alten, die Einheimischen den Neuzugezogenen, …? Sind wir vielleicht schon zu eingeschnürt in unsere eigenen Vorstellungen, haben wir uns eingenistet in das Vertraute? Sind wir – wenigstens prinzipiell – bereit, uns auf Neues einzulassen?

Achten wir darauf, dass das Kreuzzeichen nicht zum abgrenzenden Harnisch für Insider wird, sondern uns an die Weite erinnert, in die Gott uns führt. Manchmal auch in eine Weite, die ungewiss ist, Mut verlangt. Sich vom dreifaltigen Gott in die Weite führen zu lassen, das ist nicht immer etwas Bequemes, in allen Konsequenzen Absehbares. Sich vom dreifaltigen Gott führen zu lassen ist manchmal eine regelrechte Zumutung, eine Zu-Mutung im wahrsten Sinn des Wortes.

Das gilt nicht zuletzt, wenn wir über den Rand unserer Gemeinde hinausschauen und uns in die Gesellschaft hineinwagen. Wenn wir wahrnehmen, welche Räume es dort gibt, wer daran teilhat und wer nicht. Wenn wir uns einmischen in die Diskussion, wie mehr Menschen gut untergebracht werden können, ein gutes Zuhause finden, vielleicht sogar eigene vier Wände, wo es ihnen gut geht und die sie nach ihren Wünschen gestalten können.