Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

22.07.2018

Wir sind da, zurückgekommen zu Jesus nach dem Einsatz dieser Woche. Und er sagt uns: Ruht ein wenig aus. Aber anders als die Jünger damals brauchen wir, um mit Jesus Ruhe zu haben, nicht erst an einen einsamen Ort zu fahren. Denn da ist keine Menschenmenge, die uns auf den Fersen wäre. Haben wir also etwas falsch gemacht? Haben wir die Woche über kein Interesse für Jesus und sein Heilswirken geweckt, sodass wir jetzt „allein“ zu ihm zurückkehren? Und überhaupt: Sollen wir uns denn in die alte Geschichte hineinversetzen und den Platz der Apostel einnehmen? – Blenden wir zuerst zurück, wie es damals war.

Die Apostel haben, was sie brauchen

Jesus hatte in den Dörfern und Städten am See sein aufsehenerregendes Wirken begonnen. In seiner Heimatstadt hatte er massive Ablehnung erlebt. Nun predigte er in der Nachbarschaft und sandte seine zwölf besonders berufenen Jünger aus, ausgerüstet einzig mit der Vollmacht über die unreinen Geister. Der Evangelist schildert, wie vehement Jesus dafür sorgte, dass sie unverzüglich losziehen, ohne sich erst noch um eine passende Ausrüstung „für alle Fälle“ zu kümmern. Vielleicht wären ihnen dabei allerhand Bedenken gekommen, sodass sie gar nicht aufgebrochen wären. So aber zogen sie los – in den Augen Jesu hatten sie ja alles, was sie brauchten, und die Zwölf glaubten es ihm. Zu zweit zogen sie los, denn wie schnell könnte einen allein die Unsicherheit packen und lähmen. So konnten sie gemeinsam die Umkehr verkünden, Dämonen austreiben, Kranke salben und heilen (vgl. Mk 6,12-13).

Die Apostel kommen zurück – nicht allein

Nun kommen die Ausgesandten zurück. Wie lang sie unterwegs gewesen sein mögen? Das spielt für Markus keine Rolle. Sie haben viel zu erzählen und Jesus spürt: Die sind müde, die haben sich verausgabt. Die brauchen jetzt Ruhe. Sie brauchen mich. Und er schafft die Voraussetzungen dafür: Gemeinsam fahren sie im Boot zu einem einsamen Ort. Beweggrund für diesen neuerlichen Aufbruch sind die „vielen Leute, die kamen und gingen“, sodass „nicht einmal Zeit zum Essen“ blieb. Waren denn all diese Leute schon bei Jesus, als die Apostel zurückkamen? Viel eher lässt die Erzählung vermuten, dass die Leute den Jüngern folgten; dass sie sozusagen stromaufwärts schwammen, um zur Quelle zu kommen: zu dem, der die Jünger ausgesandt und ausgerüstet hat und zu dem die Zwölf nun ganz selbstverständlich zurückkommen. Er ist ihr Meister, und keiner hat sich unterwegs selbstständig gemacht! Alle zwölf haben klar: Wir reden und heilen im Namen und Auftrag Jesu, und die Kraft dafür kommt von ihm.

Bei Jesus an der richtigen Adresse

Mit dem Auftanken wird es aber nichts. Hungrige Leute, auch heils-hungrige Leute, kennen keinen Pardon. Sie suchen Antwort auf ihre Lebensfragen – jetzt! Und sie haben durch die Jünger genügend Hinweise, dass sie bei Jesus an der richtigen Adresse sind. Das ist ein Grundzug des Markusevangeliums: Es zeigt, dass Jesus für die Massen attraktiv ist. Und dass Jesus damit umgehen kann, indem er einerseits für sie da ist, sich ihnen aber auch nicht einfach ausliefert. Er spürt, wann es Zeit ist, in die Einsamkeit zu gehen. Und das bietet er jetzt auch seinen Jüngern an: „Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus!“

Vor Kurzem hatten sie den „Run“ auf Jesus noch toll gefunden, ja, wollten ihn fördern: Das war am Anfang des Markusevangeliums, als Jesus zu wirken begonnen und zuerst die Schwiegermutter des Petrus, danach viele Kranke und Besessene geheilt hatte. Da stand Jesus in aller Frühe auf und „ging an einsamen Ort, um zu beten. Simon und seine Begleiter eilten ihm nach, und als sie ihn fanden, sagten sie zu ihm: Alle suchen dich“ (vgl. Mk 1,35-39). – Nun, nach ersten eigenen Erfahrungen mit dem Verkünden des Evangeliums, wissen und spüren sie, wie wichtig das Zu-sich-Kommen und das Zu-Jesus-Kommen, das Kraft-Tanken ist.

Aber was sie als einsamen Ort ins Auge gefasst hatten – als Fischer kennen sie solche Geheimtipps! –, das wird erneut zum Treffpunkt mit der Menge. Was doch Menschen auf sich nehmen, um mit Jesus zusammen zu sein! Sie verlassen ihre Alltagswege und rennen geradezu in die unwirtliche Einsamkeit. Und unterwegs nehmen sie wie im Sog noch viele andere mit. Es ist wie im Märchen, als hätten ihnen die Apostel Brotkrumen ausgestreut, und nun möchten sie mehr von diesem köstlichen Brot, das es sonst nirgendwo gibt.

Jesus mit anderen teilen?

Ich stelle mir die entgleisten Gesichtszüge der Jünger vor, als sie mit dem Boot in die sonst so einsame Bucht einbiegen und sehen, was sie da erwartet! Jesus aber reagiert nicht genervt: „Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid“, erzählt das Evangelium. Jesus allein handelt, von ihm allein wird eine Gefühlsregung berichtet. Mitleid hat er, weil er spürt, was diese Menge braucht: echte, gesunde Nahrung für Seele und Leib. Unser Evangelienabschnitt erzählt nur von der Nahrung für die Seele: „Er lehrte sie lange“, sagt Markus. Unmittelbar darauf erzählt Markus, dass Jesus hier in der Einsamkeit, wo die Leute bei ihm sein wollten, auch Nahrung für den Leib gibt (wir hören es am kommenden Sonntag, allerdings aus dem Johannesevangelium).

Was aber ist jetzt mit den Jüngern? Hat Jesus sie und ihre Bedürftigkeit vergessen? Müssen sie zugunsten der Menge zurückstehen und „verzichten“? Zeigt er ihnen jetzt schon, was einen Seelsorger später mal erwartet?

Immerhin waren sie mit ihm im Boot unterwegs, und wenn es an einen einsamen Ort gehen sollte, dann dauerte diese Fahrt vielleicht ungefähr so lang, wie wir jetzt bei Jesus im Kirchenschiff sind. Und manche Ausleger sagen, dass Jesus selbst der „einsame Ort“ ist: Bei ihm tritt all das alltägliche Tun und Treiben zurück, und es ist Platz für die Lebensfragen. Wie schön, dass Jesus diese Bootsfahrt bis heute immer wieder anbietet!

In die Szene einsteigen

Dürfen oder sollen wir denn in die alte Geschichte einsteigen und den Platz der Apostel einnehmen? Der heilige Ignatius von Loyola (Gedenktag 31.7.) gibt für das Bibellesen den Tipp, in die biblische Szene regelrecht hineinzugehen und eine Rolle zu übernehmen. Wir könnten hier den Platz einzelner Apostel übernehmen: uns hineinfühlen in die dankbare Zufriedenheit, mit der sie von ihrer Mission zurückkommen, die Fülle der Eindrücke wahrnehmen und ihren (durch eigene Erfahrung gewonnenen) neuen Blick auf das Leben der Menschen. Nachempfinden, wie sie von Jesus empfangen werden, wie er ihnen zuhört; die Ankündigung auskosten, ihn nun mal ganz für sich haben zu dürfen. Und dann erschrecken angesichts der Menschenmenge …

Wir könnten uns auch der Menge anschließen, die sich mit den Aposteln bei Jesus sammelt, anschauen, warum ich zu Hause alles stehen und liegen hab lassen – und dann mitbekommen, dass er gerade eben abgefahren ist mit seinen Jüngern! Aufschnappen, wohin die gefahren sein könnten, und mit der Menge dorthin rennen. Sehen: Tatsächlich, da kommt das Boot! Und es dreht nicht ab! Und Jesus steigt aus und hat Zeit für uns und hat Worte voller Lebendigkeit, die mich alles sonst so Wichtige – Zeit und Hunger und Alltagsaufgaben – vergessen lassen …

Haben wir was falsch gemacht?

Wo aber bleiben die Massen heute? Warum sammeln sich so wenige sichtbar um Jesus? Haben wir etwas falsch gemacht? – So sind wir wieder bei den Eingangsfragen. Ich sehe Unterschiede zu damals. Zuerst bei uns, den „Aposteln“: Wir gehen längst nicht so unbekümmert los wie die Zwölf damals. Und wir machen es „nebenbei“, nicht als spezielle Aufgabe, tragen die Sendung geduldig wieder und wieder in unsere Alltagswelt. Da ist nicht zu rechnen mit zählbaren „Erfolgen“. Vermutlich würde uns Jesus sagen: Denkt nicht zu klein von der „Wirkung“ eurer Sendung, eurer Geduld, eurer Treue.

Und die Massen? Damals kam mit Jesus endlich ein Lichtblick in ihre Existenz. Heute haben sie so unendlich viele Glücksversprechen. Kein Wunder, dass die ausprobiert werden wollen – zumal die Geschichte mit Jesus (aufgrund ihrer kirchlichen und traditionellen „Verpackung“) reichlich antiquiert klingt und wenig Mehrwert fürs Leben verspricht. Seid ihnen nicht böse, würde Jesus vielleicht sagen. Zeigt ihnen einfach, was ihr von mir und mit mir habt, was einzigartig und das Dabei-Sein wirklich wert ist. Und gönnt euch immer wieder diese Pause, diese Stunde im Boot mit mir und den anderen Ausgesandten.