Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

14.07.2019

Alles – und doch zu wenig

Als Seelsorger, Therapeut und Coach bewege ich mich in sehr unterschiedlichen Feldern und habe so mit sehr unterschiedlichen Menschen zu tun. Das macht meine Aufgabe so interessant. Das lässt mich Gefallen an dem finden, was ich tue. Es erfüllt mich. In diesen Begegnungen nehme ich immer wieder wahr, dass für viele das Leben zu einer Routine geworden ist, die von den meisten schon lange nicht mehr hinterfragt wird. Kinder zur Schule bringen, ins Büro gehen oder an den Arbeitsplatz fahren, zu einem Geschäftstermin fliegen, einkaufen im Supermarkt, versuchen, die aktuelle Diät durchzuhalten …, das alles und noch viel mehr macht die Routine vieler aus.

Ich nehme aber auch das andere wahr: Irgendwann kommen manche zu der Erkenntnis, dass ihnen bei aller Routine etwas fehlt. Ich will dieses Defizit so umschreiben: Sie kommen zu dem Schluss, dass ihre Arbeit, ihr Besitz, ihre Unterhaltungen, ihr dauerndes Beschäftigtsein nicht genug sind. Sie wollen ein Ziel haben, einen Rahmen für ihr Leben, etwas, das gegen eine chronische Einsamkeit hilft oder sie aus der öden Tretmühle des Alltags herausholt. Sie möchten, dass jemand Anteil an ihrem Leben nimmt und ihnen zuhört. Sie streben nach der Gewissheit, dass ihr Leben nicht nur eine lange Reise ins Nichts ist.

Bernard Levin, der vielleicht größte englische Kolumnist unserer Zeit, stellt fest, dass Menschen in Ländern wie dem unsrigen alle materiellen Annehmlichkeiten haben, die sie sich nur wünschen können. Und dennoch lebten sie in einer stillen Verzweiflung. Sie sähen in ihrem Leben ein Loch. Und sie versuchten, dieses Loch zu stopfen mit allen möglichen Dingen. Doch egal, womit sie dieses Loch stopfen: Es bleibt ein Schmerz.

Du. Ich. Jeder Mann, jede Frau weiß darum. Wir spüren es. Und wir haben Angst, es zuzugeben und uns einzugestehen: In allem, was diese Welt zu geben hat, ist zu wenig, als dass wir damit tatsächlich unsere Erfüllung finden und unsere Sehnsucht stillen könnten.

Die Angst vor der Sinnlosigkeit des Lebens, vor den zerreißenden Schuldgefühlen, die sie oftmals mit sich tragen, vor dem Tod, dem eigenen und dem der Lieben, vor der quälenden Einsamkeit, diese Angst treibt viele immer wieder nach vorne, einfach nur weg von „hier“. Wissen wir, wofür wir leben? Wissen wir, wohin unser Leben zielt? Das Bittere ist möglichweise, dass wir alles haben und zugleich der einsamste Mensch sein können. Was ist wesentlich? Was ist entscheidend? Was ist essenziell? Freddie Mercury, der 1991 verstorbene Sänger der Rockgruppe „Queen“, sagt in einem seiner letzten Songs: das, was der Mensch braucht, ist eine dauerhafte, liebevolle Beziehung. Vieles andere, mit dem sich der Mensch begnügt und abfindet, betrügt ihn um das Eigentliche des Lebens.

Auf die Sehnsucht nach Leben ansprechen


Jesus sendet seine Jünger aus. Mit ihnen unzählige andere, die ihm bislang gefolgt waren. Hingehen sollen sie zu den Menschen. Sie auf ihren Hunger nach Sinn, auf ihre Sehnsucht nach Leben, auf ihren Wunsch nach Vergebung und Liebe ansprechen. Und heilen sollen sie: jeden, der daniederliegt. Dann kommen sie zurück. Sie berichten, wie sie Menschen ins Leben zurückgeholt haben, wie sie Menschen den Blick geweitet haben auf das hin, was wirklich zählt, wie sie Menschen wieder Wege aufgezeigt haben heraus aus den Gefangenschaften, die ihr Leben nur eingeengt hatten. Jesu Name war den Gesandten dabei nicht nur Programm. Jesu Name war ihnen Stärke und Kraft, das Böse nicht zu fürchten, vielmehr das Gute zu tun. Der Name „Jesus“ bedeutet ja „Gott rettet“.

„Die Ernte ist groß.“ In der Tat. Wie viele Menschen irren in unserer Welt umher. Menschen auf der Suche nach einem Rahmen für ihr Leben, nach etwas gegen ihre chronische Einsamkeit. Menschen auf der Suche nach etwas, das sie herausholt aus der öden Tretmühle des Alltags. Menschen auf der Suche nach jemandem, der Anteil an ihrem Leben nimmt und ihnen zuhört. Menschen auf der Suche nach dem unverwechselbaren Sinn ihres Lebens. Menschen mit einem großen Loch in ihrem Inneren, das anscheinend mit nichts zu füllen ist. Menschen voll Sehnsucht nach etwas, das wirklich hält, das wirklich trägt, das wirklich satt macht, das den Hunger der Seele zu stillen vermag.

„Die Ernte ist groß, aber es gibt zu wenig Arbeiter …“ In der Tat: Es gibt zu wenig Arbeiter in unserer Kirche, die sich der drängenden Nöte der Menschen annehmen. Es gibt zu wenig Arbeiter, denen wirklich die Bedürfnisse der Menschen am Herzen liegen. Es gibt zu wenig Arbeiter, die wirklichen Anteil nehmen und zuhören. Es gibt zu wenig Arbeiter, die hinausgehen, die Menschen auf ihre Sehnsüchte ansprechen und ihnen Wege zu einem erfüllten Leben aufweisen.

Herr, was willst du, dass wir tun?

Dagegen: Es gibt nicht zu wenig Arbeiter, die sich um Strukturen und pastorale Konzeptionen kümmern; die von einer Sitzung zur anderen hetzen und von einem Ausschuss in den nächsten; die sich vieler Fragen annehmen, die kein Mensch gestellt hat, und all ihre Energie in Antworten investieren, die niemand wirklich hören will. Solche Arbeiter gibt es, und davon gibt es immer noch viel zu viele. Daran krankt unsere Kirche. Daran kranken unsere Gemeinden. Daran kranken die Arbeiter selber. Und daran krankt das ganze oft krank machende System.

Herr, du hast nur unsere Hände,
um deine Arbeit heute zu tun.
Herr, du hast nur unsere Füße,
um Menschen auf deinen Weg zu führen.
Herr, du hast nur unsere Lippen,
um den Menschen von dir zu erzählen.
Was aber, Herr, wenn unsere Hände
mit anderen Dingen beschäftigt sind als mit den deinen?
Was aber, wenn unsere Füße
in eine andere Richtung gehen als
wohin du uns sendest?
Was aber, wenn unsere Lippen anderes sprechen
als was du uns aufträgst zu verkünden?
Herr, was willst du, dass wir tun?

Die Fragen stellen sich jedem von uns. Was ist IHM wichtig? Was ist IHM für uns als Gemeinde wichtig? Was ist IHM für uns als seine Kirche wichtig? Wofür will ER, dass wir stehen? Für wen will ER, dass wir gehen? (vgl. dazu die treffende Geschichte von Martin Buber über Rabbi Naftali und den Wächter aus Ropschitz, „Für wen gehst du?“)

Alfred Delp, ein dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallener Jesuitenpater, notierte mit gefesselten Händen: „Das Schicksal der Kirchen wird (…) nicht von dem abhängen, was ihre Prälaten und führenden Instanzen an Klugheit, Gescheitheit, ,politischen Fähigkeiten‘ usw. aufbringen. Auch nicht von den ,Positionen‘, die sich Menschen aus ihrer Mitte erringen konnten. Das alles ist überholt. (…) Von zwei Sachverhalten wird es abhängen, ob die Kirche noch einmal einen Weg zu diesen Menschen finden wird.“ Das eine ist die Einheit der Christen und das Zweite „die Rückkehr der Kirchen in die ,Diakonie‘: in den Dienst der Menschheit.“

Große Ernte – wenig Arbeiter?

Wir alle sind gesendet. Sie. Ich. Jeder und jede von uns. Was hindert uns daran, Menschen beizustehen auf der Suche nach einem Rahmen für ihr Leben, nach etwas gegen ihre chronische Einsamkeit? Was hindert uns daran, Menschen zu unterstützen auf der Suche nach etwas, das sie herausholt aus der öden Tretmühle des Alltags? Was hindert uns daran, Menschen zu helfen auf der Suche nach jemandem, der Anteil nimmt an ihrem Leben und ihnen zuhört? Was hindert uns daran, uns mit Menschen auf der Suche nach einem unverwechselbaren Sinn ihres Lebens zu verbünden? Was hindert uns daran, Menschen auszuhalten und aufzufangen, die ein großes Loch in ihrem Inneren verspüren, das anscheinend mit nichts zu füllen ist, was wirklich hält, was wirklich trägt, was wirklich satt macht, den Hunger der Seele zu stillen vermag?

Das Einzige, das wirklich die Kraft hätte, uns davon abzuhalten, anderen Menschen beizustehen, ist, dass wir selbst zu diesen Menschen gehören, die den Sinn ihres Lebens noch nicht gefunden haben. Die immer noch in dieser Welt und in ihrem Leben umherirren. Ansonsten bleibt der Aufruf an jeden von uns: Geht hinaus! Geht zu den Leuten! Verkündet! Lebt vor, was ihr vom Evangelium begriffen habt! Gebt Zeugnis! Tut es im Namen Jesu – also nicht großsprecherisch, sondern demütig, dienstbereit. Und seid euch gewiss: Nichts wird euch schaden können. Und noch eins gilt: In solchem Hinausgehen und Verkünden, in der ehrlichen Begegnung mit den Menschen und ihren Fragen und Leerstellen wird einem selbst klarer, was wirklich Halt und Leben gibt.

Ich bitte darum, dass Christus uns von unseren Bänken sprenge; dass er unsere Gleichförmigkeit kreuzige, weil in ihr Gottes Geist stirbt; dass er uns zeige, wie wenig wir vollbracht haben, und laut nach unserem Können schreie, das doch in uns angelegt ist. Und dass er es uns ermögliche, uns zu erheben mit seiner Lebendigkeit, dass seine Gangart in unsere bleiernen Füße komme, dass wir luftig denken und Feuer und Aufbruch sind im Losgehen und beim Neuanfang.