Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

26.05.2019

Was soll daran gut sein, wenn Jesus fortgeht? Die Jünger im Abendmahlssaal reagieren verängstigt. Sie mögen sich fragen: Was soll aus uns werden? Hatten denn diese paar so grundverschiedenen Menschen damals überhaupt schon ein Wir-Gefühl, das schweren Zeiten standgehalten hätte? Oder mussten sie fürchten, dass das Projekt Jesu zerfällt in dem Moment, da er fehlt?

Jesus geht fort – und dann?

Was soll daran gut sein, wenn Jesus fortgeht – heute fortgeht? Ich spüre seine Gegenwart ohnehin nur so flüchtig. Was wird aus mir, was wird aus dem Reich-Gottes-Samen in mir, wenn er ganz geht? Und wie, bitte, hängt sein Weggehen mit meiner Liebe zu ihm zusammen?

Fakt ist, dass er ja nicht nur einmal fortgegangen ist, damals, sondern immer wieder weggeht aus unserem Leben. Ich weiß nicht, wie Sie es in den Kindertagen erlebt haben. Für mich war glauben damals einfach, und ich habe Jesus irgendwie nahe erlebt – nicht immer wohltuend, oft als lästiges Korrektiv. Aber dass Gott existiert, stand nicht infrage. Ich konnte an ihn glauben als Schöpfer alles Guten, konnte glauben an Jesus, den Heiland, der alle und alles gut machen möchte. Aber dieser Kinderglaube ist weg und mit ihm der Jesus aus meinen Kindertagen. Ihnen ist das wohl so ähnlich ergangen. Aber ehrlich: Möchten Sie heute noch den Kinderglauben haben, nichts als den Kinderglauben? Dass mir der abhandenkam und ein Loch aufriss, darüber bin ich heute froh. Denn nur so konnte etwas Neues wachsen, eine „erwachsenere“ Beziehung zu Jesus. Heute sage ich: Wie gut, dass Jesus fortgegangen ist – damals und noch öfter in meinem Leben!

Wenn Fortgehen wachsen lässt

Genau genommen setzt Jesus den Akzent aber anders. Er sagt: Wenn ihr mich lieb hättet, würdet ihr euch freuen, dass ich fortgehe. Jemanden lieben und sich freuen, dass er oder sie fortgeht, wie geht das zusammen? Ich kann mir das nur so erklären: Wer jemanden wirklich lieb hat, wird verstehen, wo er oder sie ganz und gar „daheim“ ist, wo er oder sie hingehört. Wer Jesus wirklich lieb hat, der sieht, wo er die Verbundenheit mit seinem geliebten Vater voll und ungestört leben kann. Wer ihn wirklich lieb hat, wird ihn dorthin gehen lassen – aus Liebe. Und das, so lässt Jesus anklingen, ist nicht nur ein Verlust für uns: Wenn er zum Vater geht, haben auch wir „etwas davon“. Vielleicht, weil wir dann erst erwachsen werden im Glauben?

Unter uns Menschen gibt es das ja: Eltern, die ihre Kinder wirklich lieben, lassen sie ziehen, wenn es Zeit ist, damit sie ihr eigenes Leben leben können. Und nicht selten geschieht es, dass ihre Verbindung dann nicht nur nicht abreißt, sondern auf einer anderen Ebene wächst, reifer wird. Was nicht heißt, dass das Gehen-Lassen einfach wäre und nicht schmerzen würde. Auch herangewachsene Kinder lassen ihre Eltern irgendwann gehen, geben sie frei, stehen ihnen neu ihr eigenes Leben zu. Und sie finden Wege, in Verbindung zu bleiben – wenn es sein muss, über Meere hinweg.

In Verbindung bleiben, Wort halten

Wie bleibt die Verbindung mit Jesus aufrecht? Er sagt: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten.“ – „Wort halten“, das ist mehr als es bloß in Erinnerung halten. Da klingt ein Versprechen an, Treue und Wahrhaftigkeit kommen ins Spiel. Sein Wort halten, das geht nicht nur im Kopf oder in Büchern. Sein Wort halten, das fordert das Leben. Und verändert das Leben. Dem, der „Wort hält“, sein „Wort hält“, verspricht er: „Mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen.“

Jesus und seine Umzugspläne

Das ist die Umkehrung eines Jesuswortes, das uns vermutlich geläufiger ist (und gern bei Begräbnissen verkündet wird). Zu Beginn dieses Abschnitts (des 14. Kapitels), aus dem unser Sonntagsevangelium stammt, hat Jesus gesagt: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. (…) Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. (…) Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten“, und wenn ich ihn „für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.“ Jetzt verheißt er eine andere Übersiedlung: Gott selber und sein geliebter Sohn machen sich auf, bei dem einzuziehen, der Jesus liebt! Dieser Umzug ist die Steigerung dessen, dass bei Gott für uns ein Platz bereitet ist, wenn wir einmal von hier fortmüssen: Nicht erst dann, nein, jetzt schon soll es die Wohngemeinschaft mit Gott geben. Jetzt schon kann und will er bei uns einziehen. Jetzt schon möchte er Platz zum Wohnen finden in unserem Leben. Er will nicht nur Gast, auch nicht Dauergast, sondern vollberechtigter Mitbewohner sein in meiner Lebens-WG.

Bei aller Sehnsucht nach der Nähe Gottes: Will ich das überhaupt? Ihn Tag und Nacht in meinem Lebenshaus haben? Darf er mir so nah auf die Pelle rücken? – Die Antwort ist einfach: Das ist eine Frage der Liebe. Für den geliebten Menschen habe ich immer Platz. Er darf nicht nur, er soll sich in meinem Leben aufhalten und frei bewegen, darf es maßgeblich beeinflussen, nicht bloß ergänzen. Unser Miteinander wird nach und nach Gestalt gewinnen, denn es ist mehr als die Summe unserer Einzelinteressen. Neues wird entstehen. Dieses Zusammenwachsen wird auf weiten Strecken mit Freude und Leichtigkeit gelingen, auf anderen wird es viel Reibung geben und vielleicht auch Konflikt. Denn Liebe lässt nicht alles durchgehen, sie drängt zur Wahrhaftigkeit und zum „Wort-Halten“.

2.000 Jahre – und kein Unterschied

Dieses Evangelium verkündet uns eine Frohbotschaft, die ohne Karfreitag und Ostern nie möglich wäre: dass wir Spätgeborene mit Jesus so eng verbunden leben können wie seine Schüler damals – durch die Liebe. Das ist schier unglaublich. Das übersteigt mein gewohntes Denken. Und darum wohl baue ich so wenig darauf, verschiebe das Wohnen mit Jesus ins Jenseits. Im Diesseits setze ich mehr auf eigene Kräfte. Dabei hat Gott sich schon am Anfang der Beziehungs- und Befreiungsgeschichte Israels kundgetan als der „Ich-bin-da“, und sein verheißener Retter trägt den Namen „Immanuel – Mit uns Gott“. Immer schon sucht er Wohnrecht bei uns, bietet seine Wohn- und Lebensgemeinschaft an. Diese uralten Verheißungen sollen jetzt endlich ganz wahr werden in und durch Jesus, auch für uns. – Sind Sie darauf eingestellt, dass er bei Ihnen einziehen möchte? Was müsste denn da noch umgestellt, ausgeräumt, renoviert werden in meinem Lebenshaus?

Der Paraklet, Jesu „Einrichtungsberater“

Jesus weiß: Menschen tun sich schwer, ganz auf die Liebe zu setzen, schon untereinander. Wie schnell schiebt sich etwas dazwischen, mit dem man meint, imponieren zu sollen, gut dazustehen, statt einfach zu lieben und damit einander leben zu helfen. Wer liebt, hält Wort und verwirklicht sein Ja täglich neu.

Wenn aber Menschen sich mit dem Schönsten auf der Welt schon so schwertun, dann wird das auch für die Liebe zu Jesus gelten. Dann ist nicht damit zu rechnen, dass sie aus Eigenem sein Wort halten und es mit Herzblut in ihre Zeit und Lebensverhältnisse übertragen. Das wird nicht gehen ohne den „Beistand“, den Heiligen Geist; der, sagt Jesus, „wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“. Der wird euch helfen, euer Lebenshaus für ein Leben mit mir herzurichten und instand zu halten.

Aber einfangen und festhalten könnt ihr mich nicht. Ich werde immer wieder weggehen, wenn ihr meint, mich genau zu kennen, wenn ihr tut, als sei ich zu haben. Nicht einmal die Erinnerung an Jesus lässt sich in Archiven und Hochsicherheitstresoren bewahren. Denn sie soll nicht konserviert werden, sondern lebendig werden. Und dafür sorgt der Heilige Geist im Leben von Menschen, die sich ihm öffnen. Zu allen Zeiten wird er helfen, die Kraft der Worte Jesu zu entdecken und seine Botschaft ins Heute, in die Situation zu übersetzen.

Und weil das stimmt, sind wir jetzt als Gläubige hier versammelt, nicht als Museumsbesucher, gewinnen in dieser Stunde nicht nur Wissenszuwachs wie in einer Antikensammlung, sondern lassen uns von Jesus im besten Sinn des Wortes „reinreden“ in unser Leben.

Die paar Evangeliumsverse dieses Sonntags haben es in sich! Sie eröffnen uns jetzt schon alle Voraussetzungen zu einer Lebensgemeinschaft mit Jesus. Ein anderes Wort dafür ist „Glaube“. Und dieser Glaube gibt einen Frieden, den die Welt nicht geben kann, weil sie einfach nicht hineinreicht ins Ewige. Der Ewige aber reicht herein in unser Leben und will, dass es groß und rund und voll wird – österlich durch und durch.