Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

11.11.2018

Ein echtes Vorbild

Mit Vorbildern ist das so eine Sache. Wer kann als Vorbild gelten? Vielleicht die Witwe, die Jesus im Tempel beobachtet? Also, als unsere Nachbarin noch lebte, war sie ein Vorbild für viele, vor allem in Sachen Kirche. Sie war im Glauben klug, und wo Klugheit nichts half, da war sie geduldig. Oder kindlich fromm. Alle Kinder aus vielen Jahrgängen kannten sie vom Kindergottesdienst. Und nach den Gruppenstunden half sie notfalls als Torwart aus. Einmal soll sie dem Ministerpräsidenten bei einer Autopanne geholfen haben, damals, als man kaputte Keilriemen noch mit Nylonstrümpfen ersetzen konnte. Ist vielleicht Legende.

Ja, so war unsere Nachbarin, und alle wussten es. Nur mit Geld konnte sie nicht umgehen. Das heißt: mit ihrem eigenen Geld. Im Vertrauen darauf, dass schon wieder etwas reinkommen werde, kriegten alle etwas zugesteckt. Selbst den fliegenden Händlern kaufte sie immer etwas ab, einmal sogar einen großen Teppich. Dann gab es in der Familie schon mal Ärger. Und man erinnerte sie daran, wie sie mit ihren Kindern einen Ausflug in die Großstadt machte und viel zu wenig Geld eingesteckt hatte. Ihre erwachsenen Kinder reden noch heute entrüstet von der Peinlichkeit, dass sie sich die Busfahrt nach Hause zusammenbetteln mussten.

Für alle war unsere Nachbarin ein Vorbild. Für ihre eigenen Kinder nicht. Gemocht und geliebt haben sie sie auch. Nur, als Vorbild konnten ihre Kinder sie nicht sehen, bis heute nicht.

Auch ein Vorbild?

Ihren Vater aber haben die Nachbarskinder verehrt. Das haben wir nicht verstanden. Dabei war er nicht annähernd so hilfsbereit wie seine Frau. Oder so freundlich. Er hatte deutlich mehr Fehler. Und er hat die Familie verlassen. Jedenfalls zeitweise. Nicht wegen einer anderen Frau, nein – Genaueres war nicht zu erfahren. Die Kinder behaupteten lange, ihr Vater fahre jetzt zur See. „Wer weiß, wofür es gut ist“, das war sein Leitspruch, vor allem, wenn es um Kirche ging. Positiver als so formulierte er sein Verhältnis zu Gott nicht. „Wer weiß, wofür es gut ist.“

Als der Kindergarten der Gemeinde umgebaut wurde, machte er mit. Aber viel mehr oder etwas anderes bekam die Gemeinde von ihm nicht. Bei der Kommunion seines Jüngsten kam er sogar zu spät. Dann hieß es, man könne ja froh sein, wenn er die Namen seiner Kinder vollständig aufsagen könne. Und dann taten alle, als führten sie eine Flasche zum Mund. Als er schlimm krank wurde, zog er zu seiner Familie zurück, und selbstverständlich versorgte und pflegte ihn seine Frau. Vor der Haustür, da saß er meistens, und wenn man Glück hatte und er einen hellen Moment, dann grüßte er zurück oder fragte nach einer Zigarette.

Unser Nachbar starb an einem Sonntagmorgen, während wir in der Kirche waren, in einem unbeobachteten Moment. Typisch. „Wer weiß, wofür es gut ist“, sagten die, die das kümmerte, und das waren nicht viele. „Gott weiß, wofür es gut ist“, sagte unser Pastor bei der Beerdigung.

Nicht im Vergleich, sondern echt leben

Es war natürlich schwierig für die Nachbarskinder zu sagen: Wir wollen sein wie unser Vater. Kann ein Vater ein Vorbild sein, der den lieben Gott einen guten Mann sein lässt? Einer, der unzuverlässig erscheint, der sich von seiner Familie entfernt und ein Trinker ist, einer, der seinen Kindern so wenig gibt? Na, sehen Sie. Und so dachten alle in der Gegend. Und doch war er ihr Vorbild, nicht die Mutter. Wie ungerecht!

Wir anderen, wir hätten der Nachbarin ein Denkmal gebaut, nicht ihrem Mann. Als Christin war sie für alle ein Fels in der Brandung. Er war ein Kieselstein, den jeder Regen wegspülen konnte. Sie hat unglaublich viel gegeben, er fast nichts. Sein Licht war wie das Glimmen der Zigarette zwischen seinen Zähnen, ihr Licht strahlte gleißend über uns alle hinweg. Vielleicht war genau das auch der Grund, warum die Kinder so viel von ihm hielten. Sie haben gesehen, wie leicht ihrer Mutter der Glaube fiel und die Zuwendung an andere. Keine Mühe schien sie das zu kosten, kein Zweifel trübte ihr Verhalten. Und die Nachbarskinder haben gesehen, wie schwer ihr Vater es mit all dem hatte. Seine Grenzen waren anders gesteckt als die seiner Frau. Oder sagen wir: Das Maß, das Gott ihm persönlich gesetzt hat, war anders. Und das hat er erfüllt.

Mancher wird sagen, er habe sich selbst die Ziele zu eng gesetzt. Er habe es sich zu einfach gemacht, man könne nicht sehen, dass er sich je um seinen Glauben bemüht hätte oder darum, ein besserer Mensch zu sein. Und das wäre doch, was Gott von uns will. Ja, das stimmt. Aber die Bibel warnt: Pass auf, dass du dich nicht überschätzt. Du brauchst nicht dem Unerreichbaren nachzujagen, das ist nicht von uns verlangt. Sondern: Erkenne das Maß, das Gott dir gesetzt hat. Nie wird Gott alle über einen Kamm scheren. Lebe nicht dauernd im Vergleich mit anderen. Lebe nach deinen Talenten. Ob lahmer Vater, arme Witwe, strahlende Superchristin: Beurteilt werden wir nach unseren Möglichkeiten. Gott verlangt nicht mehr von uns, als wir geben können. Aber das will er haben.

Wenig kann alles sein

Vielleicht haben die Nachbarskinder in ihrem Vater gesehen, wenn die Grenzen eng gesteckt sind, wie groß dann eine kleine Bewegung sein kann. Wenn einer, der sein Leben lang mit Gott hadert, einmal die Hände faltet. Wenn einer, der sagt, ich glaube nur, was ich sehe, leise beginnt, mit dem Herzen zu sehen. Wenn einer, der sein Leben nur so mit sich herumschleppt, seinen Kindern abends beim Beten zuhört. Dass das viel sein kann für einen Menschen. Und wie so jemand dadurch alles gibt, was er hat – auch wenn das in unseren Augen gering ist. Dieser Vater gab den Seinen alles, was er zur Verfügung hatte. Das haben die Kinder gemerkt.

Eine Ahnung steigt in mir auf, dass hier das Geheimnis erfüllten christlichen Lebens liegt: Dass es nicht darum geht, ein Idol zu imitieren. Sondern sein eigenes, gottgegebenes Maß zu entdecken und zu erfüllen. Sich zu nehmen, wie man ist. Jetzt, in diesem Moment. Auch wenn früher mal mehr möglich war oder übermorgen weniger. Das Jetzt zählt. Sonst hätte die Witwe, die Jesus im Tempel beobachtet hat, gleich zu Hause bleiben können mit ihren zwei Münzen. Kann ja sein, dass sie früher mehr zu geben hatte. Aber jetzt ist es nur das bisschen. Und das, sagt Jesus, erfüllt ihr Maß, überstark sogar.

Darum geht es, wenn ein Mensch Jesu Jünger sein will. Jesus hat keine allgemeingültige Messlatte, die alle von uns erreichen müssten, egal, wer wir sind, woher wir kommen, wie wir im Leben stehen. Jesus fragt nicht unbarmherzig nach Höher, Weiter, Schneller. Bestleistungen auf dem Siegertreppchen der christlichen Nachfolge-Olympiade sind ihm egal. Jesus fragt nach dir und mir persönlich, und er bittet dich und mich, so als Christ zu leben, wie es unseren jeweiligen Möglichkeiten entspricht. Nicht mehr und nicht weniger. Darum ist der Taufschüler Martinus seinem Impuls gefolgt, als er den Bettler sah, und hat völlig unvernünftig geteilt. Nie hätte Martinus, auch nicht als Abt und als Bischof, von anderen verlangt, so zu handeln. Wohl aber warb er dafür, sich ganz Gott anzuvertrauen.

Wenn ich Jesus recht verstehe, bittet er mich, meinen eigenen Weg als Christ zu gehen. Meinen Weg, den noch niemand je gegangen ist. Jesus fordert nicht: Macht es alle so wie die Witwe im Tempel (oder wie Martinus). Eigentlich sagt er mir sogar: Sei vorsichtig mit Vorbildern, die sind womöglich wie fremde Mäntel, die nie passen können. Lerne dich selbst kennen im Blick auf mich – und dann bleib dir treu. Wenn du dann das Deine tust, wirst du bei deinem Nächsten sein, wie niemand zuvor es war. Und das wird dein Nächster merken. Wie unsere Nachbarskinder …