Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

31.05.2020

Das fern-nahe Fest

Hätte ich doch damals dabeisein können, als es Pfingsten wurde! Da kommt Neid auf Menschen auf, die das erleben konnten. Warum bin ich immer nur auf das Hörensagen angewiesen und auf die Nachfeier eines Ereignisses, das schon so weit zurück liegt, so himmelweit von mir entfernt!? Auch darum klingt meine Pfingstpredigt zwar irgendwie „richtig“, nett und harmlos, aber sie kann entsetzlich langweilig geraten. Ich spreche so, als berichte ich von einem schon ewig zurückliegenden Urknall, als kaue ich auf einem geschmacklosen Kaugummi herum und biete routiniert eine „Gottesdienstveranstaltung“. Ehrlich gesagt: die Ereignisse der Bibel rücken immer ferner, wirken wie Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Pfingsten hört sich an wie die Schlagzeile von einem Event in der Spätantike, einem christlichen „Ur-Woodstock“, das einige Leute am Rand des Imperiums aus dem Häuschen brachte, mich aber kalt lässt.

Pfingsten, diese sanfte Revolution, hätte ich genauso nötig wie die Frauen und Männer damals, auf die Feuerzungen fielen, die die Mund-zu-Mund-Beatmung Jesu am eigenen Leib erfuhren. Pfingsten müsste es werden, hier und jetzt! Damit ich nicht schlaff herumhänge wie eine Fahne bei Flaute. Nicht das Pfingsten im Kirchenjahr, das kommt wie das Amen in der Kirche; sondern das Pfingsten, das mich packt und die Kirche aus dem „Schlaf der Sicherheit“ (GL 481,2) erweckt. Pfingsten wäre, wenn mir aufgeht: In mir tut sich etwas! Etwas Unerklärliches. „Frohe Pfingsten“, das wäre, wenn der Osterwind kein laues Lüftchen ist, wenn das Feuer von der Osterkerze, das vor 50 Tagen auf uns übersprang, noch in mir und in dir brennt. Ansteckendes Pfingsten – wie eine schöne Bescherung, ein Geschenkfest, an dem ich Gottes Großzügigkeit und Über-Fluss genieße.

Seit Jahren erzähle ich hier von alten Festen, verlese die Botschaft von uralten Wundern, deute und erkläre, bemühe mich um ein wenig Abwechslung – und doch beschleicht mich das Gefühl: wir haben buchstäblich das Nachsehen. So selten gelingt die Live-Schaltung, auch wenn ich mich bemühe, Brücken zu schlagen über den „garstigen Graben“, von dem der alte Lessing einmal sprach, der uns von der Pfingstgemeinde ganz am Anfang trennt. Auch wenn ich als Prediger den Geist im Mund führe: Wie fern ist das „erweckte“ Christentum gerückt, von dem die Pfingsterzählungen sprechen!

Was, wenn ich den Zauber dieses Festes nur beschwöre? Ich kann den Effekt von Pfingsten vielleicht ein wenig inszenieren, indem ich hier spontaner und spritziger agiere, ein wenig Nervenkitzel provoziere und Rosenblätter auf Ihre und Eure Köpfe herunterrieseln lasse – das ist möglich in mancher süddeutscher oder österreichischer Kirche, wo es im Gewölbe ein „Heiliggeistloch“ gibt. Ich kann versuchen, die Feier „aufzupeppen“ mit unverständlicher Zungenrede, mit ekstatischen Liedern und liturgischem Tanz, mit Worten, die überwältigende Emotionen auslösen, einer leidenschaftlichen „Erweckungspredigt“, die auf plötzliche Bekehrungen abzielt, mit Heilungs- und Salbungselementen, die unter die Haut gehen; mit einer bombastischen Choreographie, Lichteffekten und Weihrauchschwaden, mit speziellen Atemübungen und der Verlautbarung unerfüllbarer Versprechungen. Ich könnte also von den momentan so erfolgreichen Pfingstkirchen in Lateinamerika, charismatischen Bewegungen oder esoterischen Gruppen einiges abschauen – aber kann ich Sie und mich auf diesem Weg dem Pfingstereignis auch nur einen Millimeter näherbringen? Oder wäre das eine bloß künstliche Inszenierung, die Entfachung eines Strohfeuers der Gefühle? Zurück bliebe ein fader Nachgeschmack, wie unter Drogeneinfluss.

Gott in Aktion

Ich bin bescheidener und würde Ihnen gerne ein winziges „Heiliggeistloch“ öffnen, Ihnen Lust machen, auf Spurensuche nach dem Heiligen Geist zu gehen. Wichtiger ist, dass Er sich Zugang zu uns verschafft. Neuschöpfung – das liegt nicht in meiner Macht. Nein, die Wiederbelebung ausgebrannter Seelen und die Erfüllung einer leer gewordenen Innenwelt – das vermag ich nicht! Die Erneuerung leer und „modrig“ gewordener Worte der Glaubenssprache liegt nicht in meiner Macht. Ich würde mich überfordern. Zuweilen möchte ich besser verstehen können und verstanden werden, Anklang finden. Aber dieses Wunder kann ich nicht erzwingen. Mir gehen die Worte aus oder sie rieseln – wie Sand aus der Hand – aus meinem Mund. Oft ringe ich um Worte, um Worte, die mir fehlen, wenn sie der Geist nicht eingäbe. Nein, ich kann der Kirche keinen pfingstlichen Geist einblasen. Ich warte wie Sie auf den Advent des Geistes. Auf ihn, der mir Profil verleiht und mich zu meinen Grenzen stehen lässt. Auf ihn, der mich glauben lässt, dass mehr in mir steckt, als ich zuweilen glaube. Auf ihn allein, der uns zur Besinnung bringen kann. Denn wir ahnen, wie sehr der Menschengeist die Welt an den Rand des Abgrunds bringt.

Mit meiner Bitte „Komm und fülle, erfülle meine Leere!“ stehe ich, steht unsere Kirche unter dem offenen Himmel Gottes. Ohne dieses Lebenselixier kriege ich zu wenig Luft. Der Himmel, aus dem sich Gott ergießt, ist derselbe wie zur Zeit der Apostel. Und dieselbe Verheißung Gottes liegt in der Luft: Ich lasse euch nicht allein, die ihr im eigenen Saft schmort und die ihr euch in abgestandener Luft verriegelt. Riskieren wir den Durchzug, der nicht erkältet. In unsere Versammlung heute wollen wir Gottes guter Luft Zwischenräume lassen und ihm Gelegenheit geben, dazwischenzukommen. Lassen wir Ihm die Tür zu uns einen Spalt weit offen. Mein Credo an diesem Tag ist ein schönes Armutszeugnis: Ich kann Pfingsten nicht beschwören. Gott ist es, der die Welt in Atem hält und eine Kirche durchpulst, die „im rasenden Stillstand“ (Paul Virilio) aus der Puste gerät und atemlos agiert. Ohne den Anhauch von oben würde die Kirche schnell ihr Leben aushauchen. Sie wäre „von allen guten Geistern verlassen“. Das wäre das Pfingstwunder heute, wenn eine in weite Ferne gerückte Geschichte uns jetzt packt und wir in sie hineingeraten.

Göttlicher Türöffner

So vieles raubt mir den Atem! Und doch sage ich Ihnen eine Gabe, einen Hauch zu, der uns Gemeinde sein lässt. Geist. Und dieser Geist ist vielfältig und einheitsstiftend. Komm, Geist! Fahre durch die Orgelpfeifen, durch meine verbrauchten Worte und die müden Knochen und versteiften Gelenke deines Kirchenleibes. Mache uns offen für deine auch befremdlichen Einfälle. Geist, bewirke die Liveschaltung in den Urknall des Anfangs! Steige tief herab in uns!

Die heilige Hildegard sagte einmal: „Wo im Menschen die Frage nicht ist, ist auch nicht die Antwort des Heiligen Geistes.“ Geist, schenke uns also bohrende Fragen und leise Antworten. Räumen wir dem Geist Raum ein, lassen wir in eindringen durch unsere Risse und „Heiliggeistlöcher“. Geist, lege dich auf mein Herz und meine Lippen, damit ich auf Sendung gehe und „den Mund der Wahrheit“ nicht halten kann!

Kurt Josef Wecker