Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

01.10.2017

„Es tut mir leid“ – ein kleines Wort, so schwer zu sagen …

Die Situation schien verfahren, ausweglos. Ein ehelicher Streit um Nichtigkeiten. Eigentlich. Aber dann war er eskaliert. Der Ärger über einen achtlos mitten im Flur stehengebliebenen Schuh war zu einer Grundsatzdebatte geworden. „Das tust du immer …“; „Nie kannst du …“, „Jedes Mal, wenn ich nach Hause komme …“

Eigentlich war das gar nicht so gewollt. Aber der Ärger im Büro, der Stau auf dem Heimweg, das schlechte Wetter, das den vorgesehenen Grillabend unmöglich machte, hatten für äußerst schlechte Laune gesorgt. Und die brauchte nun dringend ein Ventil. Und dann lag da der Schuh mitten auf der Schwelle …

Jahre war es her, dass sie sich beide in der Kirche und vor Gott versprochen hatten, einander zu lieben und zu achten, zu vertrauen und treu zu sein und gemeinsam Gott und den Menschen zu dienen. Was war aus diesem Versprechen geworden? Beide fanden aus ihrer Alltagsroutine heraus immer weniger die Brücke zum anderen, erzählten sich nicht mehr voneinander. Ihre Träume, ihre Pläne, ihre gemeinsamen Hoffnungen und Projekte – gab es die noch?

Nun war Stille. Funkstille. Seit einiger Zeit schon redeten sie nicht mehr miteinander. Er wollte das nicht länger. Bisher war es oft sie gewesen, die mit einem Scherz, einem „Du!“ die Schärfe aus der Situation nahm. Diesmal war sie zu verletzt. Sie hatte sich in sich selbst zurückgezogen. Er kaufte einen Strauß Rosen. Lange hatte er das nicht mehr getan, nicht einmal mehr zum Valentinstag. Jung Verliebte waren sie ja auch nicht mehr. Oder doch? War die Liebe nicht das Wichtigste? Egal, ob im Taumel der ersten Verliebtheit, oder jetzt, nach vielen gemeinsamen Jahren? Er fasste sich ein Herz, klopfte an ihre Zimmertür, und endlich gelang es ihm zu sagen, was ihm in all den Jahren nicht gelungen war: „Es tut mir leid …“

Was habe ich da getan!

Wer hilft mir heraus?

Liebe Gemeinde, in unserer biblischen Geschichte sind es Vater und Sohn, von denen Jesus erzählt. Aber auch das ist eine Familiengeschichte, so wie ich gerade eine erzählt habe. Vielleicht fallen Ihnen ähnliche Situationen aus Ihren Beziehungen ein, Geschichten, in denen es um gebrochene Versprechen geht, um ein Jawort, dessen tätige Konsequenzen nicht mehr sichtbar sind, um das Gefühl, durch falsche Versprechungen getäuscht worden zu sein.

Mir geht es immer wieder mal so: Im Nachhinein erschrecke ich über das, was ich gesagt habe. Es quält mich, wenn ich daran denke. Ich kreise darum. Was hilft? Wenn es möglich ist, die Entschuldigung, das Zurechtbiegen. Woher aber bekomme ich die Kraft, über meinen Schatten zu springen und dem, was ich als falsch erkannt habe, eine tätige Korrektur folgen zu lassen? Ich bin gewiss: Gott hilft uns dabei.

Sünder können umkehren

Jesus präsentiert hier – im Gespräch mit Ehrenmännern der Gemeinde – eine Szene mitten aus dem Leben. Der erste Sohn sagt: Ich WILL nicht – keine Ausreden, keine Entschuldigungen. Er will nicht und steht zu seiner Entscheidung. Und sieht dann ein, dass sie falsch war. Er bereut. Der andere Sohn zollt dem Vater auf den ersten Blick allen nötigen Respekt. Er sagt dem Vater, was der hören will. Aber: Er folgt dem Willen des Vaters nicht. Und die mit Jesus streitenden Ehrenmänner beurteilen diese Szene ganz richtig: Nicht um das Lippenbekenntnis geht es, sondern ums Tun. Damit aber hat Jesus seine Gesprächsgegner da, wo er sie haben will. Denn: Diese Größen der Gemeinde handeln wie der Ja-sagende Sohn. Sie begegnen Jesus mit Respekt, aber sie bekennen ihn mit ihrem Tun und Sagen nicht als Messias Israels. Dabei könnten sie ihn an ihren Taten erkennen. Sie scheitern daran, im Nachdenken über das Erfahrene zur richtigen Entscheidung, zur Umkehr zu kommen. Das aber gelingt sogar – oder vielleicht gerade! – den Außenseitern, die um ihren verkehrten Lebenswandel wissen, den sprichwörtlich gewordenen Sündern und Zöllnern. Wie der Nein-sagende Sohn erkennen sie ihren Fehler – und folgen Jesus nach. Sie wagen ihr Leben auf Jesus, sie springen über ihren Schatten und kehren um.

Die Haltung zur eigenen Sünde trennt von Gott

„Amen, ich sage euch: Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr!“ – mit welchem Affront beendet Jesus diesen Streit! Und warum lobt er diese verachtenswerten Kreaturen? Weil sie zur Veränderung, zur Einsicht und zur Buße bereit sind. Nicht das Sünder-Sein trennt von Gott, sondern die Haltung zur eigenen Sünde. Jesus gibt den umkehrenden Sünder nicht auf – er gibt ihm und ihr neue Hoffnung. Und dies gilt heute genauso wie damals: Jesus hilft uns, wenn wir uns der Erkenntnis stellen: Wir sind schwach, unser Wille spielt uns immer wieder einen Streich. Das zuzugeben ist nicht einfach. Aber wir können es – denn es gibt eine Gemeinschaft, die uns trägt. Und deren Ort ist hier, in dieser Kirche, in dieser Messfeier. Wir sind wie die beiden Söhne der Geschichte als Kinder Gottes hier, und wir sind hier als Hörende des zurechtbringenden Gotteswortes, als Gemeinschaft der Getauften, als Teilnehmende an der Eucharistiefeier. All dies verbindet uns mit Jesus.
Die Taufe markiert den Umkehrpunkt in unserem Leben. Denn sie zeigt: Wir sind nicht fertig und gut so, wie wir von Natur aus sind. Wir brauchen Umkehr, Reinigung und Geistbegabung auf unserem Weg in die Freiheit, zu der Gott uns bestimmt hat. Die Taufe stand am Anfang unseres Weges zu Gott, der immer auch ein Umweg ist, ein Weg, auf dem wir stolpern und fallen. Und die Eucharistie stärkt uns immer wieder neu auf diesem Weg, sie hält uns in der Gemeinschaft, die von unserer Seite immer wieder bedroht ist. In der Gemeinschaft des Teilens werden wir immer wieder neu von dem Hang befreit, auf Kosten der anderen zu leben oder uns selbst für größer zu halten, als wir sind. Immer wieder neu können wir am Tisch des Herrn auf Jesu Einladung hin das Umkehren einüben.

Der „Weg der Gerechtigkeit“ ist der Weg Gottes zu uns

Am Tisch des Herrn dürfen wir schmecken und sehen: Der „Weg der Gerechtigkeit“ ist der Weg Gottes zu uns – er vergibt und wartet auf die, die zu ihm hin umkehren. Er wartet mit seinem guten Wort, mit den Wegzeichen des Sakramentes. Was davor war, zählt nicht mehr. Jesus geht es um uns, um die, die durch seine Vergebung zu den Menschen werden, die Gott von Anfang an gewollt hat. Der Blick zurück, das Kreisen um die eigenen Schwächen muss uns nicht lähmen. Wir sind frei zum Tun des Rechten – von nun an und immer wieder neu. Wir sind frei, den Menschen, mit denen wir verbunden sind, mit einer Rose in der Hand zu sagen: Es tut mir leid. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass wir in der Kraft des Geistes auch die Kraft finden, diesen Worten die nötigen Taten folgen zu lassen.

Amen.