Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

23.09.2018

„Meine Sandburg ist aber größer als deine!“ „Ich kann viel besser Fußball spielen als du!“ „Mein Papa verdient aber mehr als deiner!“

Wenn man Kindern im Kindergarten oder auf dem Spielplatz zuhört, dann wird einem schnell klar: Es sind nicht nur Erwachsene, die miteinander konkurrieren. Die danach streben, besser zu sein als der andere – oder schneller, einflussreicher, wohlhabender, hübscher. Viele Kinder sind richtig kleine Angeber. Pädagogen weisen darauf hin, dass das normal ist und Kinder nur so herausfinden, wo ihr Platz ist.

Bei Kindern ist es eher normal, dass sie immer die Ersten sein wollen. Dass sie (noch) nicht verlieren und zurückstecken können. Wer als Erwachsener immer noch beleidigt ist oder ausflippt, weil ein anderer besser war als man selbst, macht sich eher lächerlich – und doch ist auch unsere Erwachsenenwelt voll von Angeberei und kindischen Reaktionen.

Warum ein Kind?

Vermutlich waren die Kinder zur Zeit Jesu auch nicht anders als heute. Wie passt es da, dass Jesus ein Kind herbeiholt, um seinen Jüngern eine Lektion zu erteilen – seinen Jüngern, die sich gerade darum gestritten hatten, wer von ihnen der Beste und Wichtigste ist? Weiß Jesus nicht, dass Kinder das genauso machen?

Der Blick in den griechischen Text macht deutlich, dass Jesus eine andere Erzählabsicht hat. Markus gebraucht hier nicht das Wort „teknon“, mit dem normalerweise ein Kind bezeichnet wird. Das Kind, das Jesus in die Mitte stellt, wird „paidion“ genannt. „Paidion“ beschreibt ein Kind in seiner Stellung als abhängiges Wesen. Für den Zuhörer damals klang mit der Anrede „Pais“, „Junge“, mit, dass auch Sklaven so angeredet wurden. Ein Kind stand in der Antike ganz unten in der gesellschaftlichen Hierarchie. Es war mittellos und rechtlos. Ein Vater konnte seine Kinder als Sklaven verpfänden oder verkaufen. Kinder zählten erst etwas, sobald man ihre Arbeitskraft brauchen konnte. Kinder hatten einen so geringen sozialen Status, dass Jesus ein Kind als das Musterbeispiel für die Kleinen in der Gesellschaft hinstellen kann. Jesus begegnet den Kindern auf Augenhöhe; Ihm liegen gerade die Kleinen, Schwachen am Herzen, und das fordert er auch von seinen Jüngern. Ob wir zu Jesus gehören oder nicht, das entscheidet sich daran, wie wir mit den Kleinen umgehen!

Kinder haben es heute (bei uns) besser als in der Antike oder im Mittelalter – zum Glück. Wir wissen heute besser Bescheid über die frühkindliche Entwicklung, die Bedürfnisse von Kindern werden ernster genommen, ihre Rechte stärker respektiert. Ist damit die Botschaft des Evangeliums hinfällig? Gilt das jetzt nicht mehr: „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf“? Wen würde Jesus heute in die Mitte stellen?

Auch heute ein Kind um Jesu willen aufnehmen

Auch wenn Kinder manchmal ganz schöne Angeber sein können, sind sie doch auch heute „klein“ im Sinne Jesu. Sie brauchen Liebe und Annahme; sie brauchen es, dass man sich auf sie einlässt. Manchmal ist das leicht: Wenn das Baby einen zahnlos anstrahlt, das Kind abends im Bett seine Arme um einen schlingt und sagt, man sei die beste Mama der Welt, dann ist es leicht, ein Kind anzunehmen. Ein Kind um Jesu willen aufzunehmen, das macht Spaß, wenn man dem Kind ein schönes Buch vorlesen oder es mit seinem Lieblingsessen glücklich machen kann.

Manchmal ist es aber auch nicht so leicht. Das Baby brüllt stundenlang, und man hält es nicht mehr aus. Das Kind wirft sich im Supermarkt schreiend auf den Boden, weil das Lieblingseis ausverkauft ist. Das Kind weigert sich zu tun, was ich gesagt habe. Es entwickelt sich anders, als ich es gedacht habe, es bleibt hinter den Erwartungen zurück, macht Probleme … Wie ist es da mit dem Satz Jesu: „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf“?

Grenzerfahrungen

Mit Kindern stößt man manchmal an seine Grenzen. Sehr deutlich wird mir (als Mutter) vor Augen geführt, wie begrenzt meine Kraft manchmal ist, wie schwach meine Nerven sind und meine Geduld. Wenn ich mich auf ein Kind wirklich einlasse – egal, ob es das eigene Kind ist oder das Enkelkind oder die Nichte –, dann kommt viel von mir selbst zutage. Durch das Verhalten des Kindes werden Erinnerungen aus meiner eigenen Kindheit wach, Verletzungen von damals spüre ich bis heute. Manchmal spüre ich das Kind in mir, die eigene Bedürftigkeit, meine Unfertigkeit, das, was noch wachsen will …

Wenn Jesus mir begegnet im Kind, das aufgenommen werden will, dann heißt das, auch diese Grenzen anzunehmen, auch das Kind in mir selbst anzunehmen.

All das ehrlich zuzulassen hat für mich wesentlich mit Glauben zu tun.

Wahre Demut

Jesus hat seine Jünger durchschaut. Sie haben ihm nichts geantwortet auf seine Frage, worüber sie denn unterwegs gesprochen hatten. Es war auch nicht nötig, er wusste auch so um ihr Gerangel, um ihre Konkurrenz, ihr Streben nach Anerkennung und Status. Er verurteilt sie nicht dafür, aber er macht deutlich, was Leben in seinem Geist bedeutet. „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen sein …“ Das sind harte Worte. Sie sind keine Forderung, im Staub zu kriechen und vor anderen zu buckeln. Nachfolge Jesu zu leben bedeutet, so lese ich diese Verse, zu einer Bescheidenheit zu finden, die wirklich von Herzen kommt.

Ich mag sehr das lateinische Wort für Demut: humilitatis. Darin steckt das Wort humus, Erde. Wenn man sich auf Kinder einlässt, kann einen das sehr erden. Es bringt einen auf den Boden der Tatsachen. Kindern kann man nicht gut etwas vormachen. Sie fordern Ehrlichkeit, sie zeigen einem die eigenen Grenzen auf, sie konfrontieren einen mit dem Kind in sich selbst. Wenn man sich auf Kinder einlässt, muss man sich auch auf Unfertigkeit, Unverständnis, Trotz und Unvermögen einlassen. Das kann anstrengend sein, aber es macht einen (wenn es gut geht) auch duldsamer. Wenn ich meine eigenen Grenzen kenne, bin ich auch eher bereit, barmherzig mit den Grenzen anderer umzugehen.

Gott in den Kleinen begegnen

Das Kleinsein eines Kindes, seine Hilflosigkeit und Bedürftigkeit, das Wachsen-Müssen und -Dürfen – all das rührt Gott so an, dass Er selbst dieses Kleinsein empfindet (und in Jesus auch wählt). Die Kleinen, das sind für Gott nicht nur, aber auch die Kinder. Die Kleinen liegen Ihm so am Herzen, sind Ihm so wichtig, dass Er sich mit ihnen identifiziert.

Liebe empfindet mit dem geliebten Menschen mit, sie empfindet dessen Schmerz so, als wäre es der eigene. Daher kann Jesus sagen: Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt wirklich mich auf. In jedem Kind will uns Gott begegnen – das ist kein kitschiger Postkartenspruch, sondern ein Ernstnehmen des Evangeliums. Amen.