Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

09.08.2020

Im Boot

Als ich zum ersten Mal als junger Student den Petersdom besuchte, blieb ich hinten im Eingangsbereich lange stehen und ließ dieses gewaltige Bauwerk auf mich wirken; ich war beides: begeistert und nachdenklich. In der Vorhalle schaute ich nach oben und erblickte über dem mittleren Portal der Portikus ein Mosaik, das die Szene der heutigen Frohbotschaft ins Bild setzt: die ängstlichen Jünger und die Rettung des Petrus. Da wird das kleine Boot, die „Navicella“ samt den Jüngern von den hohen Wellen hin- und hergeworfen. Die Situation, in die Jesus hineintritt, ist wahrhaftig bedrohlich.

Warum wohl wurde dieses Mosaik in St. Peter so verdeckt und unauffällig angebracht?

Eine Bootsfahrt ist wohl immer etwas abenteuerlich. Als Kind hatte ich eine gewisse Angst vor Wasser. Wasser steht seit Urzeiten für Chaos. Die ersten Seiten der Bibel erzählen davon, genauso wie die Psalmen. Da fleht ein Beter: „… ich habe keinen Halt mehr … die Strömung reißt mich fort … zieh mich heraus aus dem tiefen Wasser – erhöre mich und rette mich!“ (Ps 69). Diese Kraft des Wassers meinen wir, wenn wir sagen: Uns steht das Wasser bis zum Hals, wir drohen zu versinken, die Wellen schlagen über uns zusammen. Das bedeutet: Wir haben Angst. Dann ist es – wieder bildlich gesprochen – wichtig, den Kopf über das Wasser zu halten.

In dem kleinen Boot mit den Jüngern, das im Petersdom so versteckt abgebracht ist, sehe ich ein Symbol für die Kirche, das „Schifflein Petri“. „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“, haben wir in der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gern und oft gesungen.

Und Jesus?

Während die Jünger auf dem See mit Sturm und Wellen kämpfen, betet Jesus auf dem Berg. Auch er, der wohl dauernd im Bewusstsein der Gegenwart Gottes, seines Vaters lebte, brauchte Zeiten, in denen er die Nähe Gottes besonders erleben konnte.

Im Alten Testament erscheint Gott häufig „vom Berge her“ – etwa, wenn es heißt: „Der Heilige kommt vom Gebirge Paran“, er hilft zur Zeit der „vierten Nachwache“ – etwa im Psalm: „Gott hilft, wenn der Morgen anbricht“ (Ps 46,5).

Vom Berg kommt Jesus mit der erneuerten Gewissheit, dass der Vater bei ihm ist und ihn trägt. Dieser Glaube ist sein Halt. So geht er über das Wasser. Er lässt sich vom Vater tragen. So kommt er auf die Jünger zu. Für sie zunächst wie ein Gespenst. Doch dann der Zuruf: Fürchtet euch nicht, ich bin es.

Die Jünger

Sie sitzen im Boot. Mitten in der Nacht sehen sie, wie eine Gestalt über das Wasser auf sie zukommt. Ein Gespenst? Sie schreien vor Angst. Da hören sie aus dem Dunkel die vertraute Stimme ihres Herrn: „Habt Vertrauen; ich bin es, fürchtet euch nicht“ (V 27).

Eine elementare Erfahrung: Das Kind wacht vielleicht auch mitten in der Nacht auf und schreit, weil es einen bösen Traum hatte. Das Dunkel rundum macht ihm noch mehr Angst, es weint und schreit. Die Mutter – oder der Vater – steht auf, nimmt es auf den Arm, drückt es an die Brust oder streichelt es und sagt: Hab keine Angst, ich bin da. – Solche Träume kennen auch Erwachsene, auch sie kennen die Angst in und vor der Nacht.

Jesus kommt über die stürmische See und sagt den Jüngern das, was die Mutter, der Vater dem Kind zuspricht: „Habt keine Angst, ich bin da.“ Mehr braucht es oft nicht.

Petrus

Petrus will mehr. Es hält ihn nicht im Boot. Er will die volle Gemeinschaft mit Jesus, jetzt sofort. Aber er steigt nicht einfach aus, sondern bittet um die Bevollmächtigung, den Weg über das Wasser hin zu Jesus gehen zu können. Und er erhält diese Vollmacht: „Komm!“, sagt Jesus. Nur dieses eine Wort!

Wie weit wird ihn sein Vertrauen auf dem Wasser halten, ihn über den Abgrund tragen? Solange er Jesus im Blick hat, ist er getragen. Als er auf den Wind achtet und die Wellen spürt, bricht die Angst auf, ja ein Meer von Angst umgibt ihn. Er geht unter, spürt die bedrohliche Tiefe. Er droht zu ertrinken.

In seiner Todesnot schreit er nach Jesus: „Herr, rette mich!“ Jesus ist da. Der Hilferuf des Petrus verhallt nicht im Leeren. Jesus streckt ihm sofort die Hand entgegen und rettet ihn. „Warum hast du gezweifelt, du Kleingläubiger“, sagt Jesus. Zweifeln und glauben liegen oft eng beieinander.

Immerhin, der Glaube war nicht ganz verschwunden. Nicht der große, aber ein kleiner Glaube hat sich erhalten inmitten der blanken Angst. Ein Glaube, der weiß, wen er um Hilfe rufen muss.

Glaube der Kirche

Jesus kommt mit ins Boot. Das Wasser beruhigt sich. Allmählich bildet sich in den Jüngern die Überzeugung: In Jesus ist nicht nur ein Mensch wie wir bei uns. In diesem Menschen ist zugleich der Gott unserer Väter nahe. Gott beherrscht das Chaos, und sein Name – Jahwe – verspricht, dass er da ist, immer, wenn wir die Rettung und Weisung, aber auch Trost und Umkehr brauchen. Ihn müssen wir im Blick haben und seine ausgestreckte Hand annehmen.

Tragender Glaube

Wir können unser Leben mit einer Fahrt oder einer Reise vergleichen. In manchen Lebensphasen geht alles ruhig und glatt; in anderen kann es unruhig um uns und auch in uns werden. Wir können uns bewusst werden, wie brüchig der Boden unter uns ist, manchmal verlieren wir sogar den Boden unter unseren Füßen. Es kann kritisch werden.

Dann ist es hilfreich, sich dem guten Willen Gottes anzuvertrauen, der unser Leben will und uns in seine Hand geschrieben hat, und sich sagen zu lassen: Fürchtet euch nicht; ich bin bei euch, ich, der vom Vater kommt, um euer „Immanuel“, euer „ Gott mit uns“ zu sein. Als Petrus in schweres Wasser geriet, rief er nach Jesus, der ihn aus dem Chaos des Todes herausholte.

Unser Glaube bewahrt uns nicht davor, dass wir in Bedrängnis und Angst geraten. Petrus zeigt uns, auf wen wir dann blicken sollen und wessen Hand wir ergreifen sollen. Wie zu Petrus sagt er auch zu uns: „Komm!“ Folgen wir diesem Ruf, trägt er auch uns.

Selbst noch aus dem Untergang unseres Todes wird er uns herausholen in seine Gemeinschaft. Und die unser Leben bedrohenden Mächte werden ihre Kraft verlieren, wenn bei uns alles gut wird.

Glaube ist das Vertrauen auf Gottes tragende und rettende Nähe, die wir jetzt feiern.

Leo Simon