Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

13.10.2019

Gratis – „um Dank“

„5 + 1 gratis!“, heißt es beim Bäcker: Kauf fünf Brötchen, das sechste gibt’s heute gratis. Bei den Schokoriegeln sind’s gleich zwei obendrauf: „10 plus 2 gratis“ steht knallrot auf der „XL-Packung“. Gratis, das heißt umsonst. Umsonst? Wikipedia ist genauer. Das Online-Lexikon informiert, dass „gratis“ von lateinisch grātia kommt: „Gunst, Dank, Erkenntlichkeit“; grātiīs (Ablativ Plural) bedeutet dann „um des bloßen Dankes willen“.

Gratis wurden alle zehn Aussätzigen rein. Sie erlebten das Beste, was man sich überhaupt vorstellen kann! Jahrelang vielleicht waren sie vom Dorfleben, von ihren Familien getrennt, waren abgeschnitten, ausgeschlossen. Zum Gottesdienst durften sie schon gar nicht. Denn das, was die Bibel mit Aussatz meint, ist ein sichtbarer „Ausschlag“ der Sünde. Eine innere Fäulnis sozusagen, die nach außen durchbricht. Und die sondert den Betreffenden aus. Und nun, plötzlich und wunderbar, tun sich für diese zehn die Tore ins Leben wieder auf – und das ganz umsonst, ohne dafür ein Vermögen auszugeben. Was für eine Befreiung! Was für eine Wohltat!

Aber einer von ihnen hat gemerkt: Das war nicht einfach umsonst, dafür will, ja muss ich danken. Jetzt, auf der Stelle dem danken, der mein Reinwerden gewirkt hat. Er dreht um, kommt zu Jesus und wirft sich ihm vor die Füße. „Dieser Mann“, heißt es, „war ein Samariter.“ Einer, der für Juden grundsätzlich „nicht ganz sauber“ ist. Ein Fremder, ein halber Heide.

Dieser Eine hält sich nicht an Jesu Wort. Mit den neun hatte er sich aufgemacht zu den Priestern, aber als er merkt, was an ihm geschehen ist, dreht er um und kehrt, Gott laut lobend, zu Jesus zurück und dankt ihm.

Grenzgänger begegnen einander

Lukas nimmt es hier mit Details des jüdischen Gesetzes nicht so genau. Muss er auch nicht, denn seine Leser stammen mehrheitlich nicht aus dem Judentum. Lukas betont, dass Jesus auf dem Weg nach Jerusalem ist – von Galiläa im Norden Palästinas nach Süden, „hinauf nach Jerusalem“. Dazwischen liegt Samaria. Nun ist er im Grenzgebiet von Galiläa und Samaria, also noch weit weg vom politischen und religiösen Zentrum. Hier begegnet Jesus zehn Ausgesetzten. Gesetzeskonform rufen sie von ferne – aber sie rufen nicht das vorgeschriebene und warnende „Unrein, unrein!“, sondern ihre Bitte um Erbarmen: „eleison hemás!“

Zuletzt verrät Lukas, dass einer der zehn ein Samariter ist. Die übrigen neun sind dem Erzählgang zufolge wohl Juden. Im normalen Leben gelten Samariter den Juden als Abtrünnige: Sie haben in der Zeit der Fremdherrschaft nicht den reinen Glauben bewahrt und sind darum vom Tempelkult in Jerusalem ausgeschlossen. Man vermied den Kontakt mit ihnen. Die zehn aber hatten zusammengefunden, ihr Ausschluss hat sie zu einer Not- und Schicksalsgemeinschaft vereint. Gemeinsam rufen sie Jesus um Hilfe an, nennen ihn „Meister“, wie es sonst im Lukasevangelium nur die Jünger tun.

Was können sie von Jesus erwarten? Ist die Kunde von seiner heilsamen Zuwendung bis zu ihnen gelangt, an die Ränder der Gesellschaft und über sie hinaus? Oder greifen diese Jammergestalten einfach nach jedem Strohhalm? Und was tut Jesus? Spricht kein Machtwort, berührt sie nicht, ruft ihnen nur von weitem zu: Geht, zeigt euch den Priestern! Und es geschieht das erste Wunder: Sie gehen! Gehen los auf Jesu Wort hin! Das nenne ich Glauben! Losgehen im Vertrauen, dass Jesu Wort nicht leeres Gerede ist, sondern dass sich etwas tun wird. Was genau, das weiß noch keiner. Aber sie gehen los. Wohin? Nach jüdischem Verständnis müssen sie nach Jerusalem, zum Tempel. Dort sind die Priester, die allein zuständig sind in Sachen Aussatz. Nur sie können jemand, der befallen war, für rein erklären.

Nach Jerusalem, das ist ein weiter Weg. Und auf dem Weg dorthin, heißt es, da wurden sie rein. Ist das wahr, was wir da an uns sehen? So mögen sie mit wachsender Hoffnung gefragt haben. Oder haben wir einander angesteckt mit unserem Wunschdenken? Und weil sich unterwegs immer mehr Symptome der Heilung einstellen, werden ihre Schritte schneller und schneller. Alles drängt sie nach Jerusalem, an den Ort ihrer Hoffnung: Dort, nur dort können sie für rein erklärt werden, und dann – dann gehören sie endlich wieder dem Leben!

Gegen Jesu Anweisung das Richtige tun

Einer aber zögert. Was soll er in Jerusalem? Warum sich den Priestern zeigen? Er ist und bleibt ein Samariter – und damit unrein von Grund auf. Basta! Aber sein Aussatz schwindet. Plötzlich weiß dieser Mann, was er zu tun hat: Auf der Stelle kehrt er um und geht, ja läuft zurück zum Ort der Begegnung, laut singend und Gott lobend. Er findet Jesus, fällt ihm zu Füßen und dankt. Bei ihm und durch ihn hat alles begonnen, was er braucht, um neu leben zu können. Die übrigen neun sind noch auf dem Weg der Instanzen, die brauchen noch den Stempel vom Tempel, um glücklich zu sein. So jedenfalls meinen sie, so schreibt es das Gesetz vor, und so hat es ihnen Jesus aufgetragen. Und ist doch enttäuscht, dass sie in den Formalitäten hängen bleiben, dass das neue Leben, das er ihnen eröffnet hat, nichts Neues bewirkt, nichts, das über den Gesetzesglauben hinausgeht – und in ihm den Gottesboten erkennt, die Kraft Gottes, den Messias. Gratis hat er sie geheilt, umsonst. Aber Jesus, der Kraft Gottes, zu danken, dazu sind sie (noch) nicht befreit.

„Geht, zeigt euch den Priestern!“ – das hören auch wir. Auch uns hat Jesu Wort zu heilen begonnen, sonst wären wir jetzt nicht hier. Geht, sagt er, zeigt euch! Werden wir losgehen? Und was wird geschehen auf dem Weg? Sind wir zufrieden, wenn alles nach den Regeln des Kultes läuft? Wenn die Zuständigen in der Kirche das Ihre tun und jeder in den Bahnen des Kirchenrechts und der Dogmen bleibt? Ich gestehe: Mich erschreckt, dass Jesus genau darüber traurig ist. Traurig, dass sein heilendes Wort und Wirken keine Grenzen sprengt, sondern kanalisiert wird, gebändigt von einem Regelwerk und heiligen Traditionen. Mich erschreckt, dass mein (nur mein?) Normal- oder Idealbild von Kirche-Sein bei Jesus Enttäuschung auslöst. Normal und einzig angemessen findet Jesus das, was der Fremde, der Halbheide, der Samariter tut: zu ihm kommen, in ihm das Heil entdecken, die Quelle neuen Lebens, die maßgebliche „Institution“ im Reich Gottes, die allererste Adresse der Gottesbegegnung.

Nicht auszudenken, was passiert, wenn wir das Entscheidende nicht von einer Religionsbehörde erwarten, die über rein und unrein befindet, über Zutritt zur Gemeinschaft (= communio) oder Ausschluss, sondern von Jesus! Wenn er für uns tatsächlich höher steht als alle Strukturen und Ämter. Wenn er unsere kirchlichen und privaten religiösen Abläufe infrage stellen darf. Jesus wünscht sich keinen wilden Haufen. Seine Kirche braucht Strukturen und Ämter. Aber der Herr und die Lebensquelle ist und bleibt er. Das soll sich im Leben der Christen zeigen. Danach sehnt er sich.

„Ite, missa est!“ – „Geht, zeigt euch …!“

„Geht, zeigt euch den Priestern!“ – Heute beurteilen andere, ob etwas gesellschaftsfähig ist: die öffentliche Meinung, einige Leitmedien, der Stammtisch … „Geht“, sagt Jesus, „zeigt euch“: Ich habe an euch zu wirken begonnen in der Taufe. Ich habe euch auf den Weg geschickt und tu es Sonntag für Sonntag neu („Ite, missa est!“). Geht ihr? Und wenn ihr geht: Merkt ihr, dass sich auf dem Weg etwas tut? Und redet ihr darüber, was Jesu Wort mit euch tut? Nehmt ihr aneinander Symptome der Heilung wahr? Oder bleibt jeder für sich – „Religion ist Privatsache“? Zeigt ihr den heute wirkenden Instanzen, dass ihr mit und durch Jesus im Reinen seid?

Vielleicht ist einer unter euch auch ein Samariter, der spürt: Ich passe überhaupt nicht in die Strukturen, aber nichts kann mich hindern, Gott begeistert zu loben für all das Gute, das er in Jesus tut und verkündet. Ihm zu danken, das ist meine Pflicht und Herzensfreude.

Wir feiern jetzt Eucharistie – Danksagung. Wie sehr sich Jesus freut, wenn wir ihm danken! Gratis, ganz ohne Gegenleistung schenkt er seine Liebe. Wer spürt: Dafür will und muss ich ihm danken!, der antwortet mit Liebe, der glaubt an ihn, der ist gerettet. Gratis.