Wir wollen Ihnen die Möglichkeit geben, die Gedanken des vergangenen Sonntages noch einmal zu studieren und einwirken zu lassen, während wir uns bereits auf den nächsten Sonntag vorbereiten! An dieser Stelle sollen nicht einfach nur Predigten veröffentlicht werden, sondern die Überlegungen zu einem Predigtthema immer eines anderen Priesters unserer Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zum Nachlesen ermöglicht werden. Vielleicht ist da ein Satz oder eine Idee, die Sie die ganze Woche begleiten kann. Immer nach einer Woche wird dann dieser Text von der Website heruntergenommen und mit einem neuen Text aktualisiert. Wir wollen immer möglichst nah dran sein am letzten Sonntag und dafür danken allen Geistlichen unserer beiden Pfarreien, die sich an diesem Dienst für Sie beteiligen.

10.11.2019

Schon in meiner Schulzeit gab es sie, und schon damals habe ich mich über sie aufgeregt: Leute, die irgendwelche Fragen stellen, die überhaupt keine wirklichen Fragen sind. Da gab es Mitschülerinnen und Mitschüler, bei denen ich das Gefühl hatte, sie wollten sich mit ihrer Frage beim Lehrer beliebt machen oder ihre Note in mündlicher Beteiligung aufbessern. Andere stellten Fragen, die an den Haaren herbeigezogen waren, um den Verlauf des Unterrichts aufzuhalten. Auch als Erwachsener erlebe ich solche Mitmenschen, vorzugsweise bei Diskussionsrunden oder am Ende von Vorträgen, wenn die Möglichkeit besteht, Rückfragen an den Referenten zu stellen. Wie oft melden sich da Leute zu Wort, die keine Fragen zum Thema haben, sondern sich eher gerne selbst reden hören. Oder – noch schlimmer – versuchen, den Referenten oder die Referentin mit konstruierten Beispielen in die Enge zu treiben oder zu provozieren.

Schon vor 2.000 Jahren gab es solche Menschen, und mit ihnen ist Jesus im Evangelium konfrontiert. Die Sadduzäer, die Jesus hier mit einer Fangfrage kommen, gehörten zur einflussreichen Oberschicht im Land. Sie stellten viele Mitglieder des Hohen Rates, waren wohlhabend und kooperierten gerne mit der römischen Besatzungsmacht. Als Heilige Schrift galt ihnen die Thora, die fünf Bücher Mose. Alle anderen Bücher, zum Beispiel die der Propheten (die so herrliche Hoffnungsbilder entwerfen und den Pharisäern heilig waren), zählten nicht für sie. Wenn nun Jesus fortwährend vom Reich Gottes und der kommenden Welt spricht, dann müssen sie Jesus geradezu „auflaufen lassen“.

An den Haaren herbeigezogen

Um Jesus in die Enge zu treiben, kommen sie mit einem extrem unrealistischen Beispiel. Sie greifen eine Vorschrift aus der Thora auf: Wenn ein verheirateter Mann kinderlos starb, sollte sein Bruder die Witwe zur Frau nehmen; auf diese Weise sollte die Frau nach Möglichkeit ein Kind bekommen und im Alter versorgt sein. Die Sadduzäer konstruieren nun den Fall, dass eine Frau auf diese Weise nacheinander mit sieben Brüdern verheiratet ist, die alle sterben, ohne ein Kind gezeugt zu haben. Wenn es eine Auferstehung der Toten gäbe – so die Logik der Sadduzäer –, müsste die Frau in einem Leben nach dem Tod dann ja mit sieben Männern verheiratet sein. Ganz selbstverständlich setzen sie voraus, dass irdische Bindungen im „Himmel“ einfach weiter bestehen. Da das Gesetz des Mose bindend, die Vielehe aber verboten sei, könne es keine Auferstehung der Toten geben, argumentieren sie.

Auf den Gedanken, dass ein Leben bei Gott nicht einfach eine Fortsetzung der irdischen Existenz ist, kommen sie (scheinbar) nicht. Denn sie sind und bleiben ganz in ihrem Diesseitsglauben verhaftet. Eigentlich wollten sie nur, dass Jesus sich in Widersprüche verwickelt und sie als die Gewinner aus dieser Diskussion hervorgehen. Die Frage, ob mit dem Tod alles aus ist oder nicht, ist für sie keine bedrängende Frage. Ihnen geht es gut, sie haben jetzt und hier ein komfortables Leben – da braucht man sich mit den düsteren Seiten nicht zu belasten.

Widerlegt

Und Jesus? Wie immer geht er sehr souverän mit provokativen Fragen um. Es ist nicht das erste Mal, dass er mit Fragen konfrontiert ist, die keine sind. Oft werden ihm Fangfragen gestellt. Wenn nun die Sadduzäer mit der Autorität des Mose argumentieren, antwortet Jesus ihnen mit Mose. Theologisch geschickt kontert er mit der Schlüsselszene des Alten Testaments, mit der Selbstoffenbarung Gottes am brennenden Dornbusch. „Dass aber die Toten auferstehen“, sagt Jesus, „hat schon Mose in der Geschichte vom Dornbusch angedeutet, in der er den Herrn den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt (Lk 20,37). Und er folgert: „Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn leben alle“ (V 38). Dagegen können auch die Sadduzäer nichts mehr sagen. Die Perikope schließt mit der Feststellung: „Und man wagte nicht mehr, ihn etwas zu fragen“ (Lk 20,39b).

Und wir?

1:0 für Jesus, könnte man jetzt denken. Aber was sagt diese Geschichte denn uns, außer dass sie uns Respekt vor Jesu Argumentationskünsten abverlangt?

Mir imponiert, wie Jesus mit seinen Gegnern umgeht. Der entscheidende Punkt ist jedoch ein anderer: Wo stehe ich in dieser Geschichte? Bin ich im Herzen wie die Sadduzäer, für die die Frage nach der Auferstehung der Toten im Grunde keine wirkliche Frage ist? Nichts, was mich existenziell umtreibt – weil ich hier und jetzt alles habe, was es zu einem erfüllten Leben braucht?

Ehrlich gesagt, kann ich mir nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die diese Frage kaltlässt, was mit dem Tod ist und was danach kommt. Gewiss gibt es Phasen im Leben, da ist dieses Thema weit weg; aber genauso gibt es Momente oder Zeiten, in denen ich dieser Frage nicht ausweichen kann.

Unausweichliche Frage

Vielleicht bin ich eines Tages damit konfrontiert, dass meine Kräfte schwinden – sei es durch Alter, sei es durch eine plötzliche Krankheit. Das Ende des Lebens rückt irgendwie in den Blick – bange Fragen drängen: Was ist, wenn ich ganz auf Hilfe angewiesen bin? Was, wenn ich gar nichts mehr kann? Was wird aus meiner Familie, wenn ich sterbe? Was wird aus mir, wenn ich sterbe? Oder ich stehe am offenen Grab eines geliebten Menschen. Da ist nur ein Loch in der Erde, ein Sarg, eine Urne, nach wenigen Minuten mit Erde bedeckt. War es das? Ist das einfach der grausame Lauf alles Irdischen: geboren werden, eine kurze Lebensspanne haben, um dann wieder zu vergehen?

Was bleibt? In Todesanzeigen steht häufig der Satz: „In unseren Erinnerungen bleibst du lebendig.“ Welch ein schwacher Trost, denke ich jedes Mal. Ja, ich erinnere mich an den Verstorbenen – aber diese Erinnerung macht den Menschen keineswegs wieder lebendig. Tot ist tot. Der Verstorbene ist wirklich tot, begraben, verbrannt, weg. Die Lücke, die er hinterlässt, ist schmerzhaft. Die Erinnerungen sind da, aber sie machen auch traurig, und – was noch schlimmer ist – sie verblassen mit der Zeit.

Die einzig wirkliche Hoffnung

Die einzig wirkliche Hoffnung ist für mich, dass der gestorbene Mensch, um den ich trauere, bei Gott ist. Was kann wirklich trösten außer der Zusage Gottes, dass Er die Kraft hat, Tote zum Leben zu erwecken? Dass er den Menschen nicht nur zu Beginn seines Lebens gewollt und geschaffen hat, sondern ihn auch im Tod nicht fallen lässt? Dass Gott uns, wenn wir sterben, in Liebe aufnimmt, mit allem, was uns ausmacht?

Wie dieses Leben bei Gott genau aussieht, wissen wir nicht. Es wird gewiss nicht einfach eine Verlängerung unserer irdischen Existenz sein – das macht Jesus den Sadduzäern unmissverständlich deutlich. Aber er setzt voll auf dieses neue Leben bei und in Gott – für sich selbst und als Bote dieser Verheißung ewigen Lebens.

Lukas zufolge hat Jesus dieses Gespräch mit den Sadduzäern in seinen letzten Lebenstagen geführt. Die Lage hatte sich zugespitzt, die Schlinge um den Hals Jesu immer enger zugezogen. Jesus philosophiert nicht einfach über den Tod und was danach kommt. Er ist persönlich betroffen, „mit Haut und Haaren im Thema“. Bei allem Vertrauen auf Gott, seinen Vater, wird er Angst gehabt haben vor dem Sterben. „Gott ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden“ (Lk 20,38) – das ist sein Glaube, der ihn durch die Tage von Verrat, Folter und Hinrichtung tragen wird. Das ist sein Glaube, der sich am Ostermorgen in der Auferstehung bestätigt – für Ihn und mit Ihm für jeden von uns.